31
Dez
2005

Im Zusammenwirken von Chaos und Ordnung, Gefühl und Überlegung sollte die Hitze des Chaos durch die Ordnung zur Wärme reduziert werden. Diese Wärme erwärmt ihrerseits wiederum die Kühle der Ordnung.

Und hier noch wunderbare Auszüge aus einem Interview der nzz mit dem Pianisten Alfred Brendel:

Was ist schlimmer: Werkgerechtigkeit oder Selbstgerechtigkeit? Lassen wir Gerechtigkeit beiseite. Von den Werken sollten die aufregendsten Impulse ausgehen; der Pianist und schon gar die Pianistin sollten mit ihrer Hilfe geradezu aufblühen. Natürlich muss man junge Spieler zur Selbständigkeit erziehen. Anderseits muss man ihnen bis in die letzte Note nachweisen, wie genau eine Aufführung zu erarbeiten ist. Man kann das nur anhand seiner eigenen Vorstellungskraft und mit Hilfe seiner persönlichen Erfahrungen vermitteln: als Beispiel, aber nicht als die eine, endgültige Wahrheit.


Etwas weiter unten:

Ich selbst halte mich nicht für einen Intellektuellen, also für einen Menschen, den primär der Intellekt steuert. Ich bin ein Musiker und Schriftsteller, der auch denkt. Es gibt instinktive Musiker von grossem Format. Man darf nur nicht annehmen, allein diese öffneten das Herz. Das ist Unsinn. Im Zusammenwirken von Chaos und Ordnung, Gefühl und Überlegung sollte die Hitze des Chaos durch die Ordnung zur Wärme reduziert werden. Diese Wärme erwärmt ihrerseits wiederum die Kühle der Ordnung. Ob das bewusst oder unbewusst geschieht, hat kaum Bedeutung, solange das Resultat stimmt. Ein Resultat solchen Zusammenwirkens wäre «Gefühlsdeutlichkeit» - das Wort stammt von Robert Schumann.



Darauf der Frager:

Kompliment für dieses - dritte, Brendelsche - Gesetz zur Thermodynamik. Ich denke, dass es sich auch auf manche ausdrücklich «intellektuelle» Musiker anwenden liesse: sogar auf Glenn Gould, der zwar etwa in seinen Interviews jegliche Spontaneität bloss artifiziell herstellte, indem er gewisse Fragen auch noch selber formulierte und sie dann seinem Partner in den Mund legte, doch als Klavierspieler zugleich spontan gefühlswarm wirken konnte.



Und Brendel:

Ich enthalte mich der Stimme.

Das ist aufrichtig und konsequent: denn da hätten wir wieder das Problem mit Werk und Selbst - die Gerechtigkeit wollten wir ja außen vorlassen! Ich verneige mich vor Brendel!!! (Und hatte noch nie eine Vorliebe für GG - sorry, er war zweifellos ein begnadeter Pianist. Aber seine Interpretationen??)

Aber auch Brendel hat seine Grenzen:

Die Vorstellung von Himmel und Hölle hat etwas Kindliches. Isaiah Berlin hat in einem Aufsatz Schillers Idee des Naiven und des Sentimentalischen auf die Musik angewandt. Verdi war für ihn ein grosser Naiver. Sollte man im Paradies pausenlos Verdi hören, bäte ich um Urlaub und ginge von Zeit zu Zeit lieber ins Fegefeuer, vielleicht sogar in die Hölle.


Also, wenn da die ganze Zeit CARLO, OTELLO, FALSTAFF oder die QUATTRO PEZZI SACRI kämen - warum nicht? Außerdem hat Verdi SOOOO viel geschrieben, da gäbe es immerhin allerhand Abwechslung...

komplett zu lesen unter: http://www.nzz.ch/2005/12/31/li/articleDG57Y.html

"schlichte, warme Frömmigkeit"

Aus einem Beitrag der WELT von heute (http://www.welt.de/data/2005/12/31/824156.html?s=1) von Klaus Berger:

Das Christentum in Deutschland ist matt und müde geworden. Kann die Weltkirche von diesem Land noch irgend etwas erwarten?


Ja und nein. Für die wichtigste Gabe halte ich nach wie vor die Bibeltheologie, wie sie der Papst mittwochs praktiziert. Doch auf der anderen Seite gilt dies: Das Stichwort "Taizé" markiert eine ganz neue Art von Ökumene, eben nicht mehr Diskussionen und Streitgespräche, an deren Ende jeder Recht behält und nur für den nächsten Disput klüger wird, sondern eine schlichte, warme Frömmigkeit mit großer Ausstrahlung. So etwas gab es, genau genommen, bisher in Deutschland weithin nicht. Taizé aber liegt in jener Gegend, wo auch der Orden der Zisterzienser entstand


Werden "die Deutschen" diese Bewegung aufnehmen können? Es ist klar, daß es ohne Theologie auch in dieser Bewegung auf die Dauer nicht gehen wird. Aber es könnte ja sein, daß man eine Priorität der gelebten Nachfolge vor der Theologie wahrnimmt. Das wäre eine Chance, wild gewordene und oft genug auch reichlich unverständliche dogmatische Spekulation auf ein menschliches Maß zurückzuführen. Denn in der Tat sollten sich deutsche Theologen nicht nur als Lehrer der anderen verstehen, sie könnten auch häufiger - wie so oft im Mittelalter - dankend von anderen empfangen.



Wenn allerdings aus der mittwochs praktizierten Bibeltheologie nicht mehr entspringt als die gegenwärtigen Erlässe zum Umgang mit schwulen Priestern usw. usf., wage ich dennoch, starke Zweifel anzumelden, ob das nun zeitgemäß ist. Die Suche nach neuen (alten) Werten von der Dresdner Frauenkirche bis hin zur Sehnsucht nach der schlichten Frömmigkeit tobt sich auffallend oft an den Rändern aus: seien es die Schwulen oder die unverständlichen Aktionen einer deutschen Muslima im vorderen Orient. Ein selbstbewußter Staat könnte von der Bundeskanzlerin bis zu BILD doch auch einfach sagen: wir sind für sie als Bürgerin unseres Landes verwantwortlich, unabhängig davon, was sie sagt; sie hat eine Unmenge getan für den Irak, auch für den guten Ruf Deutschlands - laßt sie jetzt einfach in Ruhe; wir laden sie ein, um über ihre Projekte zu reden und sehen dann in Ruhe und ohne Medien weiter.

Hat die Kirche eigentlich dazu offiziell mal was verlautbaren lassen?

Schlichte, warme Frömmigkeit - okay: aber bitte auf der Höhe der Zeit, und nicht in moralinsaurem Mief mit den überholten 'Werten' von vorgestern. Demnächst müssen wir ja sogar noch Darwin gegen die Schöpfungsgeschichte verteidigen...
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