16
Feb
2016

Christof Bauer zum Gedenken

Christoph-Bauer

Völlig unerwartet und mitten aus dem Leben gerissen verstarb in Ausübung eines Orgeldienstes - aus Anlass einer Beerdigung! - der Dresdner Pianist, Repetitor, langjährige Stellvertretende Chordirektor der Semperoper und Hochschullehrer

Christof Bauer.

Ein Nachruf

Mit dem aus Freiberg stammenden ehemaligen Korrepetitor und langjährigen Stellvertretenden Chordirektor der Semperoper verliert die Hochschule einen ihrer treuesten Lehrbeauftragten. In den Jahren 1966 – 1971 absolvierte er sein Studium in Dresden, ging danach für kurze Zeit nach Chemnitz, um von 1972 an bis vor kurzer Zeit in der Dresdner Oper Dienst zu tun. Die Formulierung 'Dienst tun' gilt bei Christof Bauer in mehrfacher Hinsicht: Es ging ihm stets darum, vor allem der Musik zu dienen. Dieses übergeordnete Ziel war in all seinen Aktivitäten spürbar und galt ihm als eine Leitlinie, die er auch all seinen ungezählten Studierenden weitergab. Die Haltung des Dienens einer viel größeren Sache gegenüber war es auch, mit der er die erfolgreiche Tätigkeit des Staatsopernchores jahrzehntelang prägte und die Qualität des Ensembles unter den verschiedenen Handschriften der Chordirektoren und Chefdirigenten sicherte.

Seit 1973 arbeitete er bis heute ununterbrochen im Lehrauftrag an der HfM Dresden, zunächst als Korrepetitor, seit 1978 vor allem im Fach Partiturspielen, das er damit unfassbare 38 Jahre am Haus und auch an der Hochschule für Kirchenmusik geradezu 'verkörperte'. Generationen von künftigen Kapellmeistern, Chordirigenten, Repetitoren und Kantoren hat er so wertvollstes Rüstzeug mit auf den Weg gegeben. Durch seine engagierte Art hat er in Dresden vielerorts musikalische Spuren hinterlassen, jahrzehntelang bspw. die Arbeit des UNI-Chores oder der Musikfestspiele unterstützt, war als Begleiter, Cembalist, Organist vielerorts in Konzerten zu hören und hat jungen Musikerinnen und Musikern den Weg in den Beruf geebnet.

Ich selbst habe Christof Bauer als Kruzianer kennen und schätzen gelernt. Er spielte damals in Konzerten von Martin Flämig – es waren die frühen 70-er Jahre – gemeinsam mit Michael Lüdicke die Klavierparts von In terra pax von Frank Martin sowie der Psalmensinfonie von Igor Strawinsky. Beide Aufführungen haben mich vor allem wegen der Klavierparts tief beeindruckt und hinterließen bleibende Erinnerungen, die vor allem an die hervorragenden jungen Pianisten gebunden sind – ich sehe sie heute noch vor mir! Später traf ich Christof Bauer als Student wieder, dann schon als Lehrbeauftragten für Partiturspiel. Schon damals rühmten die Kommilitonen seine Kompetenz, seine Übersicht und Perfektion.

1984 verließ ich Dresden und die Hochschule, als ich 2003 zurückkehrte, staunte ich über die Treue und Geduld, mit der Christof Bauer nach wie vor 'seine' Fächer an der Hochschule unterrichtete. Wir trafen uns nun zu Prüfungen, auch bei anderen Gelegenheiten außerhalb, etwa bei den Proben zum 'Treppensingen' bei den Musikfestspielen, bei den Produktionen der Jungen Szene der Oper oder auch bei Konzerten der Singakademie, bei denen er ganz uneigennützig als Organist oder Pianist mitwirkte. Keine Partitur war ihm fremd: Nicht das 48-stimmige Spem in alium von Thomas Tallis, aber auch nicht die plötzliche Übernahme des Orchesterparts bei "Dresi" innerhalb der Musikfestspiele, weil das Orchester wegen Regens nicht spielen konnte… Nicht zu reden von der großen Ehrfurcht, mit der alle Studenten, die bei ihm Unterricht hatten, von ihm sprachen. Christof Bauer stand in der Autoritäts- und Beliebtheitsskala ganz weit oben – alle rühmten seine Genauigkeit, seine Geduld und seinen Humor. Er hat es auf wundervolle Weise vermocht, den jungen Leuten Ehrfurcht vor der Musik, den Komponisten und ihren Kompositionen beizubringen, ohne dabei in unkritische Bewunderung zu verfallen. Seine Kenntnisse von Harmonie, Kompositionstechnik, Rhythmus, alten Schlüsseln, transponiertem Lesen, Kontrapunkt und die Fähigkeit, wie dies alles zu entschlüsseln und für die Zwecke des Partiturstudiums auch am Klavier darzustellen ist, waren so grundlegend und immens, dass wir alle, Studierende wie Kollegen, davon profitiert haben.

Der überaus herzliche Umgangston, die Fähigkeit, auch das Unmögliche möglich zu machen und die atemberaubende Treue von 43 Jahren Lehrauftrag an einer einzigen Musikhochschule sind es jedoch, die der fachlichen Kompetenz die menschlich so wichtige und für uns alle unvergessene Krone aufsetzten. Für all dies empfinden wir tiefe Dankbarkeit.

Die HfM Dresden und insbesondere die Abteilung Dirigieren/Korrepetition gedenkt Christof Bauer in tiefer Dankbarkeit. Wir verlieren mit ihm nicht nur einen Kollegen, sondern vor allem einen Freund, dessen Zuverlässigkeit und Treue ihresgleichen suchte. Wir werden sein Andenken in Ehren halten und trauern mit der Familie und allen Freunden.

Dresden, den 15. Februar 2016

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