16
Mai
2016

Laudatio zur Verleihung des Mozartpreises an Peter Rösel

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Mozartpreis 2016 der Sächsischen Mozartgesellschaft

Aus Anlass der Verleihung durfte ich eine Laudatio auf den bekannten Pianisten aus Dresden halten - nachfolgend die Fassung des vorgetragenen Textes (eine längere Version musste aus Gründen der Veranstaltungsabfolge in den Papierkorb wandern...)


Verehrter, lieber Professor Rösel,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Vorab: darf ein Chemnitzer einem Dresdner einen Mozart-Preis überreichen? Vielleicht unter Inanspruchnahme zweier Ausnahmetatbestände: Zum Einen bin ich – unverdientermaßen – Dresdner Kollege des zu Ehrenden an der Musikhochschule geworden und ich darf geltend machen, in dieser Stadt immerhin auf der Mozartstraße geboren worden zu sein…!

'Pianist sein' ist einer der einsamsten, anstrengendsten und schwierigsten Berufe dieser Welt. Daniel Gottlob Türk setzt im Jahre 1789 – Mozart schuf gerade seine bedeutendsten Spätwerke – für den Liebhaber 2 Stunden täglich an, zuzüglich 4 Stunden Unterricht pro Woche. Wer aber

"...das Klavierspielen zu seinem Hauptgeschäft machen will, für den sind täglich drey bis vier Stunden Uebung kaum hinreichend, und außer diesen ist wenigstens noch Eine Lectionsstunde nöthig. Man stelle sich daher das Studium der Musik nicht als eine so gar leichte Sache vor. Der Umfang derselben ist größer, als man gemeiniglich glaubt, und oft zu spät einsieht."

Peter Rösel hat es Gott sei Dank zeitig genug eingesehen und nahm den Ratschlag im Sinne des berühmten Pädagogen Heinrich Neuhaus ernst:

"Der Lernende … muss bereits vor Beginn des Instrumentalunterrichtes ein bestimmtes geistiges und seelisches Verhältnis zur Musik haben: Er muss sie sozusagen im Kopfe behalten, in der Seele tragen und mit dem Gehör aufnehmen. Das ganze Geheimnis der Talente und Genies besteht darin, dass sich in ihrem Kopf die Musik schon zu vollem Leben entfaltet, bevor sie selbst zum erstenmal eine Taste berühren…"

Alfred Brendel jedoch ergänzt:

"Gibt es etwas Paradoxeres als den Interpreten? Er soll sich kontrollieren und zugleich sich selbst vergessen. Er soll dem Buchstaben des Komponisten und der Laune des Augenblicks gehorchen. Er soll ein Handelsobjekt des Konzertmarktes sein und doch eine unabhängige Persönlichkeit."

Meine sehr verehrten Damen und Herren: 'Pianist sein' ist einer der einsamsten, aber auch einer der schönsten Berufe dieser Welt, wenn es einem gelingt, diese Quadratur des Kreises zu zähmen.

Peter Rösel ist das exemplarisch gelungen.

Vielleicht trifft für ihn ein anderes Wort des bereits zitierten Heinrich Neuhaus zutrifft:

"…die Überzeugung, dass mit und aus einem Schüler 'alles zu machen' sei, wird früher oder später zunichte und macht der 'demütigenden' Erkenntnis Platz, dass es für einen guten Pianisten wesentlich wichtiger ist, gute Eltern zu haben als gute Lehrer."

Rösels Eltern waren – Gott sei Dank – Sängerin und Dirigent! In Dresden nahm sich die von vielen immer wieder gerühmte Inge Finke des jungen Eleven an, ehe er recht bald ein Studium in Moskau antrat. Mit seinen Lehrern Dmitri Baschkirow und Lew Oborin stieß er ins Zentrum der russischen Klavierschule vor. Der Erfolg blieb nicht aus: Peter Rösel wurde der erste Deutsche, der beim renommierten Tschaikowski-Wettbewerb einen Preis gewann, mit 21 Jahren. Bedeutende Dirigenten wurden auf den Pianisten aufmerksam, Plattenfirmen, zunächst natürlich die heimische Eterna, betrauten ihn mit wichtigen Aufnahmen. Peter Rösel war der Solist in Rudolf Kempes letztem Dresdner Konzert mit Werken von Richard Strauss. Zur gleichen Zeit hatten längst auch Kurt Masur und Kurt Sanderling ihre Begehrlichkeiten angemeldet. Mit Masur gab Peter Rösel insgesamt mehr als 200 Konzerte und war offizieller Solist des Gewandhausorchesters. Die Einspielungen der Rachmaninow-Konzert und der Paganini-Variationen mit Sanderling gehören wohl zum Besten im Fach – selten sind in diesen ebenso virtuosen wie empfindsamen Werken auf solche Weise alle Noten 'richtig' und gleichzeitig 'erfühlt' gespielt worden. Verständlich, dass Masur mit dem 3. Rachmaninow-Konzert Peter Rösel auch zur Jubiläumssaison der New Yorker Philharmoniker einlud! Er wird diesen Auftritt absolviert haben wie jeden anderen: Aufrecht sitzend, ohne aufgesetzte Attitüde oder gar körperliche Verrenkungen – nicht einmal ein Summen von Melodien, das Glenn Gould nachgesagt wird, ist zu hören. Es ist eines der Geheimnisse von Peter Rösel, wie er es schafft, in solcher Konzentriertheit ein Leben lang Klavier zu spielen!

Viele weitere Aufnahmen wären zu nennen: Die Gesamteinspielung des Klavierwerkes von Brahms, Kammermusikaufnahmen verschiedenster Besetzungen, die Beethoven-Konzerte mit dem Berliner Sinfonieorchester unter Claus Peter Flor oder die Weber-Konzerte mit Herbert Blomstedt und der Staatskapelle Dresden – sämtlichst wunderschöne Dokumente eines klaren, transparenten Spiels, kernig im forte, sensibel im piano, trefflicher Tempi und einer gleichzeitig phantasievollen wie selbstverständlichen Gestaltung, die alles vordergründig Effektvollen entsagt und auf Konzentration und Klarheit setzt. Eine Neueinspielung der Beethoven-Konzerte in klassisch kleiner Besetzung mit den Dresdner Kapellsolisten ist nach Live-Konzertaufnahmen in der Schweiz bereits in Vorbereitung. In den letzten Jahren vollendete Rösel ein Projekt mit Live-Aufnahmen aller Beethoven-Sonaten. Die Firma King-Records hat den gesamten Zyklus der Konzerte in Tokio aufgenommen und veröffentlicht.

Es scheint einer höheren Fügung zu gehorchen, wenn Peter Rösels Auseinandersetzungen mit dem Kosmos von Mozarts Klavierwerken erst recht spät und mit Verzögerung wahrgenommen werden. Nachdem es bereits verschiedene Aufnahmen von Solo-Werken gab, genießen wir seit einigen Monaten die wiederum von King-Records produzierten CDs der Mozart-Konzerte mit Peter Rösel und den Dresdner Kapellsolisten. Die ersten Aufnahmen, die nun erschienen sind, geben einen sehr intimen Blick auf diese Juwelen der Klavierliteratur und bestechen durch den kammermusikalischen Dialog mit den Kapellsolisten, die unter Helmut Branny dunkel getönt, mit rhythmischer Kraft und lebendiger Artikulation eine historisch informierte, dennoch sehr moderne Lesart vorlegen.

Doch Peter Rösel ist keiner, der sich im Olymp des Pianistenhimmels ausruht, sondern durch sein Tun und Engagement daran teilhat, dass das Herz der Musik keine Infarkte erleiden und Schrittmacher eingesetzt bekommen muss – wiewohl das immer öfter nötig scheint. Immerhin haben wir – ich füge ein: noch – hervorragende Orchester und Ausbildungsinstitute im Lande. Das Herz schlägt also und wir können Peter Rösel nur zutiefst dankbar sein, dass er daran belebend Anteil nimmt. Lange Jahre unterrichtete er als Professor an der HfM Carl Maria von Weber Dresden, gehört als Ordentliches Mitglied auch der Sächsischen Akademie der Künste an und es ist für ihn selbstverständlich, in Chemnitz, Wilsdruff, Rostock, Zittau oder Ahrenshoop genauso aufzutreten wie in Salzburg, Edinburgh, London, Los Angeles, Hongkong, Tokio oder Seoul. Und die GMDs von Riesa, Zwickau oder Reichenbach finden sich in seinem Konzertkalender neben Dirigentennamen wie Blomstedt, Dutoit, Fedossejew, Haenchen, Haitink, Harding, Janowski, Masur, Stein oder Tennstedt. Die Elbland Philharmonie Sachsen, die Vogtlandphilharmonie, das Philharmonische Orchester Plauen/Zwickau, das Mozartfest und die Robert-Schumann-Philharmonie sind ihm genauso viel wert wie die weltweiten Gastspiele.

Hinsichtlich der Mozart-Zeit sagt er in aller Bescheidenheit:

"Dem Interpreten bleibt nur, den Gestus des Stückes besonders klar herausstellen, aber er kann nicht durch eine überbezogene Subjektivität dem Stück den Stempel des Überzeugenden aufdrücken."

Das entspricht Rösels Verständnis von der Verbindung von Seele und Geist der Musik. Im Jahr 1753 hat Carl Philipp Emanuel Bach die Sache mit dem Klavierspielen ganz einfach auf den Punkt gebracht:

"Zur wahren Art das Clavier zu spielen, gehören hauptsächlich drey Stücke, welche so genau mit einander verbunden sind, daß eines ohne das andere weder seyn kann, noch darf; nehmlich die rechte Finger-Satzung, die guten Manieren, und der gute Vortrag." - Paragraph 1.

Ist das Pianistendasein also ein Traumberuf? Rösel antwortet: "Im Prinzip ja. Ich würde es jedenfalls nicht eintauschen." Seine Einschränkungen, die er in dem zitierten Interview geltend macht, lassen wir an dieser Stelle ebenso weg wie die restlichen 341 Seiten aus Carl Philipp Bachs Empfehlungen, wie es die wahre Art sei, das Klavier zu spielen...

Danke, lieber Peter Rösel, dass sie nicht getauscht haben und uns mit immer neuen Auseinandersetzungen, Anstößen und Ideen zum Herz der Musik führen, dass es Ihnen gelingt, Seele und Geist – nicht nur von Mozarts Werk – in Konzentration und Klarheit zusammenzuführen.

Wir gratulieren Ihnen – von Herzen – zum Mozartpreis 2016 der Sächsischen Mozart-Gesellschaft!

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