25
Aug
2016

Einojuhani Rautavaara zum Gedenken III - Interview mit dem Komponisten

Aus Anlass der Premiere der Oper DAS SONNENHAUS schickte ich - gemeinsam mit dem Dramaturgen Jürgen Hartmann - Fragen nach Helsinki, die Rautavaara für das Programmheft beantwortete. Übersetzung aus dem Englischen: Jürgen Hartmann.

"Wir hatten es nie eilig"
Fragen an Einojuhani Rautavaara


Musik Nordeuropas/Skandinaviens: Gibt es den "nordischen Klang" in der Musik, was sind seine Besonderheiten und wie fühlen Sie sich der Tradition nordeuropäischer Musik verbunden?

Wenigstens gibt es einen "finnischen Klang", ein musikalisches Phänomen, der Meditation vergleichbar. Dies wird personifiziert durch den finnischen Bauern, vor seiner Sauna sitzend, auf den See schauend, dem Walde zuhörend und über die mehr oder weniger tiefen Seiten des Lebens meditierend. Diese Art der Meditation treffe ich sogar in der Musik sehr moderner finnischer Komponisten an. Manchmal ist sie tief, manchmal langweilig.

Jean Sibelius: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu ihm? War Ihre serielle Kompositionsphase eine Abkehr, die in den letzten Jahren wieder größerer Annäherung gewichen ist?

Ich vermute, Sie meinen das "persönliche Verhältnis" zu seiner Musik? Ich habe sie in der Tat immer sehr geliebt und respektiert; sie war mir fast zu vertraut, um Einfluß auf meine eigene Musik zu haben. Sein mächtiger "Schatten" hat vermutlich viele der Komponisten in den 30ern belastet, aber ich war zeitlich weit genug entfernt, um diesen Schatten nur als erfrischend zu betrachten in der Hitze der ersten harten Jahre und Jahrzehnte eines jungen Komponisten. Ich glaube, er war nie ein Kriterium für meine Entwicklung.

Nach ausführlichen Studien in den USA, Wien, der Schweiz und Deutschland habe ich eher auf allgemeine Tendenzen in Europa reagiert. Zunächst akzeptierte ich die Ideen von Darmstadt usw., später suchte ich - von diesem Serialismus frustriert - eigene Wege, die natürlich auf dem während meiner Wanderjahre Gelernten gründeten.

Zeit und Unendlichkeit: Verschiedene Zeitebenen verwenden Sie in der Oper nicht zum erstenmal; unendlich scheinende melodische Bögen (bspw. die Duette oder Quartette im „Sonnenhaus“) prägen Ihre Musik ebenso wie die Ihrer nordeuropäischen Kollegen Nielsen, Sibelius oder Petterson. Sind Zeit und Unendlichkeit ein spezifisch nordisches Thema? Weshalb?

Vielleicht lebte das "zyklische" Konzept der Zeit der frühen Kulturen im Norden länger und wird heute noch gefühlt... Im Theater, in der Oper haben wir eine außergewöhnliche Möglichkeit, mit der Zeit zu spielen - und da die Zeit der reale Tummelplatz für die Musik ist, wird aus der Oper eine besonders interessante Form für einen Komponisten. Zur "unendlichen" Melodie: war sie nicht eher eine Erfindung von Wagner? Andererseits: schauen Sie sich die endlosen Wörter der finnischen Sprache an, und erst die endlose Mitternachtssonne! Wir hatten es nie eilig, und auch die Natur um uns herum nicht. Werde ich gefragt, ob ich religiös bin, antworte ich immer mit Friedrich Schleiermacher: Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche. Den habe ich.

Träume und Visionen spielen in Ihren Werken eine bedeutende Rolle. Immer wieder begegnen wir "unwirklichen" Elementen. Noora und Riina im "Sonnenhaus" leben gar nur von Visionen, andernfalls sie schon gestorben wären, wie Noora es selbst formuliert. Was treibt Sie dazu, Ihr Publikum immer wieder mit Träumen und Visionen zu konfrontieren? Ist es bewußte Reaktion auf die Perspektivlosigkeit der heutigen Zeit, auf das Fehlen visionärer Lebensentwürfe?

Als kleiner Junge hatte ich den Traum und die Vision, Komponist zu werden - vor allem weil ich flüchten wollte aus der harten Wirklichkeit, und eine eigene Wirklichkeit mit meinen eigenen Gesetzen und Strukturen erfinden - wo niemand sagen konnte, daß ich unrecht hatte oder falsch lag, wie im "wirklichen" Leben. (Natürlich sagen das auch Kritiker, aber die sind meistens nicht maßgeblich, wirklich nicht...). Sofort als ich im Winter 1988 von dem tragischen Ende von Riina und Noora in einer Zeitung las, war ich fasziniert von ihrer Weigerung, die Änderungen, die die Zeit mit sich bringt, zu akzeptieren; von ihrem hartnäckigen Beharren, in ihrer eigenen Zeit zu leben, nur auf ihren eigenen Zeitgeist zu horchen. Ich fühlte mich seltsam vertraut mit dieser Idee.

Elektronisches Medium: Im Zusammenhang mit den "visionären Elementen" in Ihrer Musik greifen Sie gern zum elektronischen Medium. Kontrastierend dazu ist Ihre Behandlung von Singstimmen und Orchester eher "traditionell" zu nennen - sie repräsentieren ein klares Bekenntnis zu einfachen, verständlichen Strukturen, zur Melodie, zum Belcanto... Wie wird die Musikentwicklung des nächsten Jahrhunderts aussehen und welche Rolle messen Sie dabei dem elektronischen Medium zu?

Elektronik, wie auch Dodekaphonie, gehört zu den Werkzeugen, die mir während meiner Studienjahre mitgegeben wurden. Sie blieben, wenn auch sehr verändert. (Ich glaube, wenige würden hinter dem Beginn des 2. Aktes „Sonnenhaus“, dem Duett von Eleanor und Irene, eine Zwölftonreihe erkennen.) Die Schwierigkeit mit elektronischen Instrumenten für einen Komponisten ist ihre Aktualität. Sie sind nicht nur neue Erfindungen, sie benehmen sich auch so: ihre Entwicklung ist so schnell und intensiv, daß ein Modell veraltet ist, wenn man mit ihm umzugehen gelernt hat. Dies ist typisch für unsere Zeit (und schließlich begann ich meine Karriere mit "A Requiem in Our Time"). Mit anderen Worten: der für mein Werk typische Pluralismus und synthetische Charakter drückt sich auch in der Hinzunahme eines Synthesizers zum traditionellen Vokabular aus. Aber es scheint schon sehr klar, daß elektronische Instrumente nicht als Ersatz für "alte" Instrumente taugen, sie sind nur ein wertvoller Zusatz zu unserem Instrumentarium.

Oper an der Schwelle zum neuen Jahrtausend: Ihre Musik atmet Ruhe und tritt damit dem hektischen Lebensrhythmus des 20. Jahrhunderts entgegen. "Das Sonnenhaus" ist darüber hinaus mehrfach aktuell: Flucht, Exil, Einsamkeit und soziale Entwurzelung sind - häufig verdrängte - Themen unserer Zeit. Was hat Sie dazu veranlaßt, diese Probleme auf die Opernbühne zu bringen und wie beurteilen Sie die Funktion der Oper überhaupt?

In der Oper habe ich ein persönlich wichtiges und zentrales Medium gefunden. Ich schreibe die Libretti selber, und das faszinierende Zusammenspiel und die Rückkopplung von Wort und Musik sind ein Objekt meiner leidenschaftlichen Neugier geworden; Neugier auf Musik und Wort wie auch auf Leben und Welt. Ich hoffe, daß ich Zeit haben werde, dieses Medium in etwas weniger Lautes, weniger Schreiendes und Kreischendes, weniger oberflächlich Pathetisches zu entwickeln als es in der Tradition (ich selbst eingeschlossen) der Fall war - in eine subjektive, individuelle und menschliche Richtung.

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