5
Jan
2014

Stichwort Alumni: Erinnerung an 1982

Konzert-Riesa-1982

Mein Schüler Paul Johannes Kirschner, Kapellmeister und Repetitor am Staatstheater Oldenburg, hat mir das obige Plakat übermittelt - gefunden auf einem Dachboden... Die Erinnerung an dieses Konzert ist überaus lebendig und der Beweis, dass die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden bereits damals lebendige Beziehungen zu den Orchestern der Region unterhielt. Die Zusammenarbeit mit der [mittlerweile] Elbland Philharmonie Sachsenfindet demnächst ihre Fortsetzung. Johannes Fritzsch ist nach seinen GMD-Stationen in Freiburg, Nürnberg, Graz nunmehr Chef in Brisbane (Australien), Claudia Thonke war lange als Professorin an der HfM tätig, Christiane Neuhaus geigt im Konzerthausorchester in Berlin (Tochter des am 03. Januar besprochenen GMD Rudolf Neuhaus), die Wege der anderen sind mir nicht bekannt. [Jochen Süße war damals wahrscheinlich in einer Art Zusatzstudium]

2
Jan
2014

Rudolf Neuhaus zum 100. Geburtstag

Neuhaus

Es gehört zu den prägendsten Erinnerungen im Haus an der Blochmannstraße: Jeden Dienstag und Mittwoch zwängten sich die Musikerinnen und Musiker des Hochschulorchesters für jeweils 3 Stunden in die kleine und schlecht belüftete Aula im Keller des Gebäudes. Der 'Bassbuddha', Heinz Hermann, Solo-Bassist der Staatskapelle und Orchesterdirektor an der Hochschule überwachte akribisch die Anwesenheiten am Eingang stehend. Am Pult ein eher kleinerer Mann mit leicht krächzender Stimme, klaren und kurzen Anweisungen, eindeutiger Zeichensprache, unprätentiös, ehrlich, interpretatorisch geradlinig: Rudolf Neuhaus. Zwei Etagen höher, im legendären Raum 208, wurden zum Spiel auf zwei Flügeln Dirigenten ausgebildet: Neuhaus die Partien 'singend' – inklusive aller denkbaren Unarten der Sänger – und die des Orchesters irgendwie imitierend. Hartnäckig, doch mit Humor werden Kommentare zu den Leistungen am Klavier abgegeben, Klarheit und Deutlichkeit vom Dirigierenden eingefordert, jede Schaumschlägerei mit ironischer Geste bedacht und ins Reich des Unmöglichen befördert. Köstliche Szene bei einer Aufnahmeprüfung Anfang der 80-er Jahre: Ein Kandidat mit Karajan-Attitüde stellt sich vor. Neuhaus: "Kommt der aus Berlin?" – "Ja." "Sieht man."

Das legendäre Zimmer haben etliche Absolventen sehr erfolgreich verlassen: Hartmut Haenchen, Udo Zimmermann, Christian Kluttig, Steffen Leißner, Matthias Liebich, Christoph Bauer, Dieter Kempe, Konrad Bach, Romely Pfundt, Johannes Fritzsch, Hans Peter Kirchberg, Lutz Bürger, Reiner Mühlbach – mit dem viel zu früh verstorbenen Johannes Winkler wäre ein weiterer wichtiger Vertreter zu nennen. Und fast alle der nachfolgenden Absolventen – außer mir selbst u.a. Eckehard Stier, Michael Güttler, Christoph König, Olaf Henzold, Urs Michael Theus, Milko Kersten, Roland Kluttig haben Neuhaus noch erlebt, gekannt, bei ihm hospitiert und ebenso von ihm profitiert. Seine Dirigierausbildung und die durch enorme Repertoirekenntnis geprägte Arbeit mit dem Hochschulsinfonieorchester legte den Grundstein für die folgende und darauf aufbauende von Siegfried Kurz, Peter Gülke, Hartmut Haenchen, Volker Rohde, Alexander von Brück, Jörg Peter Weigle und Christian Kluttig, die die Impulse aufnahmen und weiterführten.

Rudolf Neuhaus wurde in Köln geboren und studierte an der Musikhochschule in Köln bei Hermann Abendroth. 1934-1944 führte ihn ein erstes Engagement ans Landestheater Neustrelitz, dem 1945-1953 das Staatstheater und die Staatskapelle Schwerin folgte, dessen GMD Neuhaus ab 1950 war. Von hier wurde er 1953 an die Staatstheater Dresden und die Musikhochschule berufen, 1959 erfolgte die Ernennung zum Professor. Gastdirigate führten ihn unter anderem an die Dresdner Philharmonie (u.a. Schallplattenaufnahme "Die lustige Witwe"), Staatsoper Berlin, das damalige BSO, Leipziger Gewandhausorchester, Rundfunksinfonieorchester Leipzig und Berlin. In Dresden war er Garant für die Kontinuität an der Dresdner Oper. Als er kam, ging gerade die Ära Kempe zu Ende. Er wirkte neben und mit Franz Konwitschny, Lovro von Matacic, Otmar Suitner, Kurt Sanderling, Martin Turnovsky, Herbert Blomstedt, zuletzt Hans Vonk. In der ihm angeborenen Bescheidenheit trat er 1975 als amtierender stellvertretender GMD hinter Siegfried Kurz zurück, sorgte aber weiter für Stabilität. Neuhaus dirigierte in 32 Jahren ca. 2000 Abende in Dresden, darunter viel großes Repertoire von Mozart, Weber, Wagner, Verdi, Puccini und Strauss, jedoch auch Prokofjew, Wagner-Regeny, Cikker, Fidelio F. Finke, Britten, Gerster, Kunad… - insgesamt beeindruckende 70 Opern. Am 20. Oktober 1985 verabschiedete er sich mit einem Lohengrin in der Semperoper, am 07. März 1990 verstarb er in Dresden.

Von Johannes Winkler ist der wundervolle Satz überliefert: "Es gab nicht die kleinste Distanz zwischen Lehrer und Schüler. All sein Wissen und Können breitete er vorbehaltlos aus und ließ es zu unserem Besitz werden." Ein Satz, so aufrichtig und klar wie Rudolf Neuhaus' Dirigat von Walküre, Tristan, Lohengrin oder der Liebe zu den drei Orangen. Sein Geburtstag am 03. Januar jährt sich zum 100. Mal. Die HfM Dresden widmet ihr Konzert des Hochschulsinfonieorchesters am 10. Januar und eine Alumni-Musizierstunde am 18. Januar dem Gedenken an Rudolf Neuhaus.

23
Dez
2013

Komponisten ABC der Singakademie Dresden 2004 - 2013

Singakademie-Coventry-II

Aus Anlass meines 10-jährigen Jubiläums bei der Singakademie Dresden habe ich mit tiefem Dank allen Sängerinnen und Sängern gegenüber ein kleines Komponisten-Lexikon aller aufgeführter Werke unter meiner Leitung und Mitwirkung zusammengestellt. Respekt, meine Lieben, was da so zusammenkommt...

Wer es übersichtlicher haben will, sollte jeden Montag und Donnerstag (Kammerchor) in die Probe kommen! Wir werden die Liste in den nächsten Jahren würdig fortsetzen (und auch mal was wiederholen!)!


Armenische Sharakans 2005 (Adventsstern)
Bach, Johann Sebastian Jesu, meine Freude 2010 Johannes-Passion 2005 Magnificat 2006 (Adventsstern) Matthäus-Passion 2008 Messe in A-Dur 2008 Messe in h-Moll Kyrie+Gloria 2011 Credo 2012 Sanctus - Agnus Dei 2013 Weihnachtsoratorium Kantate 2+5 2004 Kantate 1+3 2005 Kantate 4+6 2010
Beethoven, Ludwig van Christus am Ölberge 2010 Missa solemnis 2007 Ouvertüre Leonore II 2010 Sinfonie Nr. 9 (jährlich mehrmals) Blacher, Boris Der Großinquisitor 2008 Romeo und Julia 2010
Brahms, Johannes Alt-Rhapsodie 2008 Ein deutsches Requiem [2003], 2004, 2005, 2006, 2007, 2009, 2011, 2013 (München) Fest- und Gedenksprüche (mehrfach)2011, 2012, 2013 (England) Nänie 2008
Britten, Benjamin A ceremony of carols 2012 Cantata St. Niclas 2004, 2013 Five flower songs 2013 (u.a. England) War Requiem 2013 Carissimi, Giacomo Jephte 2007 (Fassung von Henze)
Charpentier, Marc-Antoine Messe de minuit 2007
Denissow, Edison Stilles Licht 2005 (EA Dresden und Chemnitz)
Depresz, Josquin Ave Maria 2008
Dvořák, Antonîn Svatební Košile (Die Geisterbraut) 2004 Missa in D (mehrfach) u.a. 2004, 2008 Stabat mater 2013 (mit HfM)
Eccard, Johann Motetten (mehrfach) u.a. 2004, 2011 sowie regelmäßig beim Weihnachtsliedersingen
Fauré, Gabriel Requiem 2008
Franck, Melchior Evangelienmotetten 2005
Füting, Reiko Der Töne Licht (mehrfach) u.a. 2012, 2013 (England) höhen stufen 2011 (UA Adventsstern)
Gounod, Charles Cäcilienmesse 2008
Händel, Georg Friedrich Solomon 2013
Hammerschmidt, Andreas Weihnachtsmotetten 2011
Hassler, Hans Leo Lustgarten neuer teutscher Gesänge 2010
Haydn, Josef Die Jahreszeiten 2011 (mit HfM) Die Schöpfung 2009 Die sieben Worte am Kreuz 2004 Harmoniemesse 2009
Henke, Franziska Gitarrenkonzert 2012 (UA)
Hensel, Fanny Hiob 2007
Herchet, Jörg Kantate zum Sonntag nach Weihnachten 2008 (dt. EA, Adventsstern)
Homilius, Gottfried August Jauchzet dem Herrn, alle Welt 2006 Unser Vater in dem Himmel 2006 Wir wissen, dass wir aus dem Tode… 2006
Honegger, Arthur Le Roi David 2012
Janáček, Leoš Glagolitische Messe 2005 Otče náš 2004
Keuk, Alexander Ein Tropfen, ein Schluck in der Höhe 2013 (UA, Adventsstern)
Klemm, Ekkehard 3 in 1 2006 (UA) Psalmen 2009
Kodaly, Zsoltan Jesus und die Krämer 2012
Krätzschmar, Wilfried fragmentum 2012 (UA, Adventsstern)
Krakova, Mikołaj za Salve Regina 2012
Krása, Hans Brundibar (mehrfach), u.a. 2007, 2008 (USA)
Leopolita, Marcin Mihi autem 2012
Liszt, Franz Missa choralis 2011
Lully, Jean Baptiste Te deum 2007
Marschner, Heinrich Das Testament 2010
Martin, Frank Golgotha, 2012 Martinů, Bohuslav Concertino für Klavier und Orchester 2009 Die Geburt des Herrn 2009 Gilgamesch-Epos 2009 Jungfrau Mariens Bild 2008
Mauersberger Eine gesitliche Sommermusik (Ausschnitte) 2005 Lukas-Passion 2006, 2007, 2009 (München, Stuttgart, Salzburg), 2011 (Aachen, Bad Hersfeld, Mildenau), CD- Produktion 2009 Wie liegt die Stadt so wüst (mehrfach) u.a. 2005, 2011 (Aachen)
Mendelssohn Bartholdy, Felix Christus (Fragmente) 2009 (Adventsstern) Elias 2007 Konzert f. Violine, Klavier und Orchester 2009 Paulus 2010 Trinklied 2010 Walpurgisnacht (mehrfach) u.a. 2009, 2010, 2012 Wie der Hirsch schreit 2009
Mozart, Wolfgang Amadeus Davide penitente 2012 Kanons 2006 Krönungsmesse KV 317 2011 (mit HfM) Missa longa KV 262 2012 Requiem 2006, 2011 (u.a. Salzburg), 2012
Obrecht, Jacob Matthäus-Passion 2009
Orff, Carl Carmina burana (jährlich mehrmals)
Otto, Julius Es liegt ein langer Magister 2010
Pärt, Arvo Arbos 2004 (Adventsstern) Johannes-Passion 2005 Magnificat 2008
Palestrina, Pierluigi Ave, mundi spes, Maria 2008
Paligon, Marcin Rorate caeli 2012
Penderecki, Krzysztof Agnus Dei 2005
Pepping, Ernst Jesus und Nikodemus 2012
Purcell, Henry Dido and Aeneas (mehrfach) u.a. 2007, 2008 Lord, how long wilt you be angry 2013 (England) Magnificat 2008
Raphael, Günter Das Wort ward Fleisch 2010, 2012 Glaubensbekenntnis 2010
Reinicke, Carl Das Hildebrandlied 2010
Rosenmüller, Johann Dilexi 2012
Salieri, Antonio Requiem 2011 (Dresden und Salzburg)
Schnittke, Alfred Nr.8 aus Busspsalmen 2005
Schönberg, Arnold Ein Überlebender aus Warschau 2009 Moses und Aron 1. Szene 2009
Schubert, Franz Deutsche Messe 2010 Stabat mater D 383 2007 Stabat mater D 175 2007
Schütz, Heinrich Deutsches Magnificat 4-stg. 2008, 2009 Deutsches Magnificat 8-stg. 2008, 2009 Also hat Gott die Welt geliebt 2005 Herr, unser Herrscher (mehrfach) u.a. 2005 Herzlich lieb 2012, 2013 (England) Ich bin der rechte Weinstock 2005 Sammelt zuvor das Unkraut 2005 Matthäus-Passion 2009
Schumann, Robert Doppelchörige Gesänge op. 141 (mehrfach, u.a. Dresden 2010, 2011, 2012 und England 2013) Genoveva 2010 (konzertant) Faust-Szenen 2005 (komplett) Faust-Szenen Teil III 2008, 2010 Jagdlieder f. 4-st. Männerchor und Hörner 2010 Nachtlied 2006 Requiem 2006 Romanzen und Balladen op. 67 2010 Romanzen f. Frauenstimmen op. 92 2010
Schultz, Wolfgang Andreas Archaische Landschaft… 2007 (UA)
Spohr, Luis Die letzten Dinge 2009
Stravinski, Igor Psalmensinfonie 2008
Szymanowski, Karol Stabat mater 2005
Tal, Josef Shape 2010
Terterian, Avet Sinfonie Nr. 6 2005 (EA Dresden, Adventsstern)
Thallis, Thomas Spem in alium 2011 (Musikfestspiele)
Umlauft, Paul Der Sommer 2006 Heraus 2006 Lied des Einsiedels 2006 Mailied 2006
Verdi, Giuseppe Ave Maria 2008 Opernchöre 2005, 2013 Pater noster 2013 (mit HfM) Requiem 2004, 2008
Voigtländer, Lothar MenschenZeit 2007 (UA, Adventsstern)
Wagner, Richard Opernchöre 2013
Weber, Carl Maria von Messe G-Dur 2006 Messe Es-Dur 2006
Weiss, Manfred Confessio saxonica 2006 (UA, Adventsstern)
Zielénski, Mikołaj Beata es, virgo Maria 2005 Laetentur omnes 2005, 2012

13
Dez
2013

Hartmut Haenchen: WERKTREUE UND INTERPRETATION

Haenchen

Buchempfehlung

Im Pfau-Verlag Saarbrücken ist ein zweibändiges Werk des Dirigenten Hartmut Haenchen erschienen: Viel Information und sehr nützliche, wichtige und fundierte Hinweise (Vorhalte, Artikulation, Tempi, Vibrato, Aufführungspraxis allgemein von Bach bis Reimann...) für schlappe 35 Euro! Glückwunsch dem Autor und dem Verlag - nach Hermann Scherchens "Lehrbuch des Dirgierens" und Hans Swarowskys WAHRUNG DER GESTALT vielleicht das wichtigeste Lehrbuch für Dirigent/innen.

MDR Figaro, 17. Dezember, 20.05 Uhr

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(na ja: um ehrlich zu sein, es haben an diesem Vormittag des 27. Oktober nicht nur die Streicher im Mittelpumkt gestanden...)

Live-Mitschnitt eines Konzertes in der Semperoper Dresden. Herzliche Empfehlung!

12
Okt
2013

Britten, WAR REQUIEM zum 100. Geburtstag in der Kreuzkirche Dresden

Singakademie-Coventry-I

Es war wohl einer der eindrücklichsten Momente unserer Reise nach England, in den Ruinen der Kathedrale in Coventry Schumann und Britten zu singen und damit einen kleinen Mosaikstein zum großen Gedanken der Versöhnung hinzuzufügen, wie er unmittelbar nach der Zerstörung der Kirche im November 1940 seinen Ausgang nahm. Bereits zu Weihnachten des gleichen Jahres war es der Domprobst Richard Howard, der zu Vergebung und Versöhnung aufrief. Entstanden ist eine weltweite Verbundenheit in der sogenannten 'Nagelkreuzbewegung', zurückgehend auf die Formung eines Kreuzes, zunächst aus verbranntem Holz, später aus Nägeln der zerstörten Kirche. Die Litanei wird jeden Werktag um die Mittagszeit gebetet, unser Chor war eingeladen, am Tag seines Konzertes daran teilzuhaben. Mit Schütz, Lechner, Purcell, Schumann, Brahms, Britten und Reiko Füting durften wir am Abend selbst ein Konzert in der Kathedrale gestalten.

Der Geist der Versöhnung und Vergebung ist in Coventry mit dem festen Glauben verbunden, dass ein Neuanfang möglich und nötig ist, um wirklichen Aufbruch zu entfachen. Die Art und Weise, wie dies – ausgehend von der geistlichen Erneuerung – auch hinsichtlich der konsequent modernen künstlerischen Gestaltung gelang, ist tief bewegend und beeindruckend. Es wurde ein ganz zeitgemäßes spirituelles Symbol geschaffen für das, was christlicher Glaube den Menschen in Coventry, England und allen an Versöhnung ehrlich und ernsthaft interessierten Menschen in der Welt bedeuten könnte. Staunend geht man von den Skulpturen der Ruine hinüber zur neuen Kirche, die durch die berühmten Glasgravuren biblischer Figuren von John Hutton zwar abgegrenzt ist, dennoch offen wirkt und den Blick freigibt auf das Gegenüber, den Altar mit dem Gobelin Graham Sutherland's. Dazwischen schweift der Blick über unzählige andere Kunstwerke, bunte Glasfenster, metallene Skulpturen und das aus afrikanischem Holz gefertigte Chorgestühl. In seitlichen Kapellen befinden sich weitere bedeutende Werke, u.a. die von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin geschenkte Kopie der Stalingradmadonna von Kurt Reuber.

Doch auch die Musik kam zu ihrem Recht. Benjamin Britten wurde mit der Komposition eines Stückes aus Anlass der Weihe beauftragt – herausgekommen ist das WAR REQUIEM, womit die Kathedrale Coventry und der Komponist seit 1962 endgültig auch in den Lexika der Musikgeschichte verankert sind. Es gibt wohl kaum eine gültigere musikalische Auseinandersetzung mit dem, was das grausame 20. Jahrhundert geprägt hat: Krieg, Zerstörung und Verbrechen. Für den von Coventry ausgehenden Gedanken der Versöhnung ist es umso wichtiger, dass diese Musik nicht nur in hochkarätigen Gastkonzerten erklingt, sondern in unseren Alltag tief eindringt. Mit der Kooperation zwischen mehreren Laienchören aus Dresden, München und Jena und den Aufführungen zum Deutschen Chorfestival im Zwickauer Dom und nun in der Dresdner Kreuzkirche hoffen wir, genau das zu erreichen: Dass Menschen die Musik Brittens und ihren Appell ins Herz aufnehmen durch die intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung, dass sie dabei andere mitnehmen und den Gedanken der forgiveness and reconciliation Wurzeln schlagen lassen.

Wir danken allen, die dieses große Projekt mit allen damit verbundenen Ideen unterstützt haben:
- die Rudolf Kempe Society Stratford upon Avon mit Cordula Kempe an der Spitze
- Richard Williams, der die Konzerte der Singakademie in England mitorganisierte
- dem Dresden Trust, seinem Präsidenten, dem Dresdner Ehrenbürger Dr. Alan Russell sowie Chairfrau Evelyn Eaton, die den Chor in
Oxford empfingen
- den Städten Dresden und Zwickau und Coventry
- allen Förderern der Chöre in München, Jena und Dresden
- dem Verband Deutscher Konzertchöre VDKC, der durch sein Chorfestival unter dem Motto "Lichter Schatten Horizonte" den Anstoß
gab, sich des Werkes Brittens anzunehmen.

Nicht zuletzt und ganz besonders sei allen mitwirkenden Künstlerinnen und Künstlern gedankt, den Solisten Jana Büchner, Erik Stokloßa und Andreas Scheibner, den Dirigenten Berit Walther und Hayko Siemens sowie dem Philharmonischen Orchester Plauen/Zwickau!
Möge etwas von den ergreifenden Momenten, die wir mit dem Stück und auf unserer Reise erlebt haben, bei unserem Publikum ankommen.

18
Sep
2013

Jahrestagung GfM

An der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden hat die Jahrestagung der gesellschaft für Musikforschung begonnen.

Eine Begrüßung.

7
Sep
2013

Erinnerungen an Martin Flämig

Martin-Flaemig-Chr-Wetzel

[Gedanken, die ich heute bei einer Gedenkveranstaltung über meine Erinnerungen an die Zeit zwischen 1971 - 77 im Kreuzchor beisteuern sollte - Mosaiksteinchen, die von etlichen anderen Kollegen weitergeführt wurden. Das Bild stammt von Christoph Wetzel und wurde durch den Förderverein des Kreuzchores heute der Vergessenheit entrissen.]

Erinnerungen an Kreuzkantor Martin Flämig
zu seinem 100. Geburtstag

Meine erste Begegnung datiert von 1970 und ist eigentlich eher eine Erinnerung im Zusammenhang mit Rudolf Mauersberger. Dessen schlechter Gesundheitszustand hatte die Verantwortlichen bewogen, eine Nachfolgeregelung voranzutreiben. In diesem Zusammenhang gab es offensichtlich Gespräche mit Martin Flämig, der eines Tages zu einer Vesperprobe – meines Wissens an einem düsteren Freitagabend – auf einem der so wunderschön harten Holzstühle am Geländer der Chorempore saß. Ich entsinne mich einer gespenstischen, bedrückenden Atmosphäre. Mauersberger dirigierte, Flämig war uns kurz vorgestellt worden, m.E. sogar von Mauersberger selbst. Gerüchte machten die Runde. Dass mit der Anwesenheit eines möglichen Nachfolgers quasi offiziell beglaubigt wurde, die über 40-jährige Ära neige sich dem Ende zu, hat mich und viele andere merkwürdig berührt. Alle dachten: Aha, das soll wohl der neue Kreuzkantor werden? Es muss wohl an die 20 – 30 Minuten gegangen sein, als es aus Mauersberger herausbrach und er mit dem berühmten Krächzen klarstellte: "Ihr denkt wohl, ich sterb'? Ich sterb' noch lange nicht!"

Die letzten Monate unter Mauersberger verliefen alles andere als konfliktfrei. Wir standen auf dem Sprung und rechneten oft mit einem Zusammenbruch, wie es ihn bei einem Bachschen WO schon gegeben hatte (im Dezember 1968). Wir, das waren Olaf Bär, Egbert Junghanns, Andreas Göhler, Martin Schüler, Tilman Rau, Achim Zimmermann und alle, die mit uns damals in der Mitte der ersten Reihe standen – Soprane von 12 oder 13 Jahren… So sehr uns der Tod Mauersbergers mitgenommen hatte, empfanden wir deshalb den Amtsantritt von Martin Flämig als einen Aufbruch! Die Matthäus-Passion 1971 war vital, die ersten Proben verliefen inspirierend. Mit dem berühmten Rollkragen-Pullover (oft weiß, ich glaube, manchmal blau und selten schwarz; gelegentlich auch mit Hemd und Pullover) leitete Flämig die Proben vom Klavier aus, das später von Ulrich Schicha oder den Präfekten gespielt wurde. Er machte Atemübungen mit uns, neues Zeug, das wir nicht kannten… Irgendwann fiel der Satz: "Jongs, und wenn die Welt hinter Euch unterginge – Ihr habt Euch nicht umzudrehen!"

Der Spruch hingegen: "Jongs, wir singen einen Tonsatz von Adam Gumpelzhaimer" war weniger beliebt. Flämig schätzte die schlichten Stücke des "Geistlichen Chorlieds", des sogenannten 'Grotschi' außerordentlich, sie erklangen oft in Vespern und Gottesdiensten. Ihre Schlichtheit erschloss sich vielen nicht – fast schien es, die Kruzianer fühlten sich unterfordert: Eine anspruchsvolle Motette musste es schon sein! Es schwelte ein Konflikt, der sich in einer veritablen Aktion entlud, bei dem Teile des neu erworbenen Notenmaterials Tätlichkeiten überstehen mussten…

Schwieriger waren jedoch Auseinandersetzungen zu zwei Themen, die heute sicher ganz anders bewertet werden müssen als damals. Natürlich waren die Schweiz-Reisen des neuen Kantors relativ schnell Grund zu Konflikten. Ulrich Schicha war ein perfekter Assistent des Kreuzkantors und seine Arbeit kann gar nicht genügend gewürdigt werden. Dass ein Kreuzkantor allerdings überhaupt einen Assistenten benötigte und einsetzte und obendrein noch andere Ämter bekleidete – das war nach Mauersberger neu und Grund des Anstoßes. Alle drei Wochen fuhr Flämig mit seinem VW-Käfer in die Schweiz und kehrte meist Donnerstag/Freitag wieder zurück. Aus heutiger Sicht ist völlig klar, dass ein DDR-Bürger mit der Möglichkeit einer Arbeit im Westen diese Tür nicht verschloss. Er hat sie ganz sicher auch zum Besten des Kreuzchores genutzt.

Das zweite Thema war die Beeinflussung des Chores durch staatliche Stellen. Man trachtete danach, dem Kantor und der Kirche Macht abzunehmen und Gegenkräfte zu installieren, die in der Funktion des Direktors Richter und des Internatsdirektors Hönschel Gestalt gewannen. Es wäre sicher auch für die Forschung von Interesse, welchen Kämpfen Flämig ausgesetzt war. Ich kenne Erzählungen von einer Elternversammlung, bei der hinsichtlich einer geplanten Reise von Flämig Zugeständnisse erwartet wurden. Er sollte u.a. dafür bürgen, dass keiner der Jungs im Westen bliebe. Das hat er nicht getan und nach heftigen Wortwechseln die Versammlung verlassen. Meinem Vater nötigte die standhafte Haltung damals Respekt ab. Fakt ist, es gab bis 1977 keine West-Reise, sondern nur vergebliche Anläufe dazu. Meist hieß es im Sommer und Herbst, es sei etwas geplant, aber einmal kam der Zypern-Konflikt einer Griechenland-Reise in die Quere, ein andermal hieß es, der Chor hätte in Belgien in zu schlechten Unterkünften übernachten sollen – die Pläne fielen in sich zusammen und führten dazu, dass nach Weihnachten die Stimmung schnell sank. Die Disziplin ließ arg zu wünschen übrig und führte zu ernsthaften Problemen auch mit der Schallplatte. Nach den Schütz-Aufnahmen, den Bach-Messen, dem Weihnachts-Oratorium mit Martin Flämig ging es auf einmal nicht mehr weiter und es gipfelte in der Aufnahme von Volksliedern mit einer Art Pop-Gruppe. Das war sozusagen unter unserer Würde. Die Situation um 1975/76 war in der Tat sehr schwierig. Nach meinem Ausscheiden 1977 erhielt ich dann Postkarten aus Alicante und aus Japan – wir hatten versucht, das Ruder wieder etwas in die andere Richtung zu steuern.

Großen Eindruck hat Flämig bei mir hinterlassen mit dem Repertoire, das wir musiziert haben und durch seine emotionale Art, wie er es dirigierte. Nicht selten führte das zu sehr vitalen Interpretationen, bei denen der Eingangschor der Matthäus-Passion in breiten Achteln begann, um in doch recht flüssigen punktierten Vierteln zu enden… Unvergessen auch die ungekürzten WO-Aufführungen, bei denen die Güttlersche Trompete zu Beginn der Kantate 6 für ein erleichtertes Aufatmen im weiten Rund der Kreuzkirche sorgte. Das Brahms-Requiem unter Flämig war stets ein spannungsvoller Abend, neu hinzu kamen erstmals auch Dvořak und Verdi, was zu Fragen führte, ob das das richtige Repertoire sei. Viel mehr aber haben mich die neuen Dinge beeindruckt: Stravinskis Psalmensinfonie (zusammen mit Bach Magnificat und Udo Zimmermann Ode an das Leben) im Kulturpalast, Frank Martin (Requiem und In terra pax), Arthur Honegger (Weihnachtskantate und König David), Willy Burkhard (Die Sintflut), Heinrich Kaminski (Magnificat – mit der famosen Inge Uibel, die in höchsten Höhen trällerte). Und ich erinnere mich auch deutlich an einen Feuerreiter von Hugo Wolf und sogar Pfitzners Kantate Von deutscher Seele – man höre und staune. Das wurde – ich bitte die Musikwissenschaftler zu recherchieren – unter Flämig zu DDR-Zeiten in Dresden aufgeführt! Unvergessen auch eine unheimlich spröde Lukas-Passion eines schweizerischen Komponisten namens Richard Sturzenegger. Wir hatten sogar die Orchesternoten selbst geschrieben, die Kopien allerdings waren unleserlich; das Stück wurde abgesetzt und im Jahr darauf uraufgeführt – die Hoffnungen auf einen Ausfall waren umsonst. Gegen Ende meiner Kruzianerzeit entstanden gerade Auftragskompositionen, u.a. von Siegfried Köhler und Paul Dessau. Die 8-stimmigen Chöre nach Texten von van Gogh des Letzteren haben unsere Nachfolger uraufgeführt – wir durften in einer von Schicha geleiteten 'Präfektenstunde' die Komposition begutachten und damit offiziell 'abnehmen', damit Dessau sein Geld bekam.

Ich verdanke Martin Flämig sehr viel – die Prägung einer dem Neuen zugewandten künstlerischen Haltung gehört ganz besonders dazu. Auch die Grunddisposition, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen und Reibungsflächen nicht zu scheuen. Ich bin sicher, Flämig hat es den DDR-Oberen durchaus nicht einfach gemacht – allein dafür gebührt ihm tiefer Dank, den ich ihm kurz vor seinem Tod auch schriftlich überbracht habe. So ist mir seine Antwort von 1997 ein wertvolles Dokument und ein Zeichen der Verbundenheit. Daran, dass ich heute als Dirigent und Hochschulrektor hier stehe und spreche, hat er riesigen Anteil.

http://www.kreuzchor.de
http://www.kreuzchor.de/deutsch/foerderverein.php
http://www.foerderverein-kreuzchor.de

26
Jul
2013

Zitat von Moritz Eggert:

Erfahrungen.
Staunen.
Erlebnisse.
Unbenennbares.
Einsichten.
Entrückungen.
Epiphanien.
All dies kann gibt keinen Profit, ist nicht greifbar.
Daher ist es uns nichts mehr wert.

Daher schicken wir Unternehmensberater zu den Orchestern, die dann – wenig überraschend – feststellen dass Töne, Klänge und das Erleben derselben keinen direkten Profit bringen. Was dann bedeutet, dass wir dieses Orchester abbauen müssen.
Und wenn das Orchester dann abgebaut und abgewickelt ist, gehen wir zu den Hochschulen, die die Musiker ausgebildet haben, die in dem abgebauten Orchester gespielt haben. Dann sagen wir dieser Hochschule – nennen wir sie Trossingen, oder Mannheim, oder wie auch immer – dass wir sie jetzt nicht mehr brauchen, da wir ja jetzt auch nicht mehr die ganzen Musiker brauchen, die früher in dem Orchester gespielt haben das es nun nicht mehr gibt. Weil wir es abgebaut haben. Diesen Vorgang kann man so lange wiederholen, bis es gar keine Hochschulen mehr gibt, und auch gar keine Orchester mehr, bis alles eingespart wurde.


zu finden auf dem bad blog of musick
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