9
Mai
2007

Ferneyhough

Ferneyhough_resized_kk_resized

Ich werde von meinen Schülern überholt - gutes Zeichen: einer von ihnen - Lennart Dohms - wird, dieweil ich bei Nono (ver)weile, den neuen "Ernst von Siemens Musikpreis"-träger Ferneyhough am heutigen Mittwoch in der Dresdner Hochschule vorstellen mit dem hochartifiziellen Ensemblestück "La Chute d'Icare". Tiefer Respekt vor den 9 StudentInnen, die in den letzten 4 Wochen für dieses etwa 10-minütige Werk ihr Selbstverständnis als MusikerIn haben in Frage stellen lassen... Es hat sich gelohnt! Musik kommt nicht voran ohne diese Art von existenzieller Auseinandersetzung.

Man mag - wie es mir z.T. noch geht - Ferneyhoughs Ansatz als intellektuell empfinden, die Faszination vor einem Phänomen bleibt. Werde/n wir/ich diese Musik begreifen? Vielleicht nicht. Aber etliches andere wird dadurch faßlicher, ja kinderleicht. Fast möchte ich sagen: z.B. Nono...

7
Mai
2007

...ziemlich einmalig

dürfte die anspruchsvolle Folge moderner Werke sein, die im Münchner Gärtnerplatz demnächst geboten wird. Wobei erwähnenswert ist, daß das Haus zur gleichen Zeit auch CARMEN, TRAVIATA, LUSTIGE WEIBER, Operette und Ballett gibt und vieles mehr. Die von mir dirigierten Abende:


13.5. INTOLLERANZA
17.5. INTOLLERANZA
19.5. IDOMENEO
20.5. INTOLLERANZA
06.7. IDOMENEO
13.7. INTOLLERANZA
17.7. MAJAKOWSKIS TOD
20.7. BEBEN
21.7. BEBEN
23.7. INTOLLERANZA
25.7. MAJAKOWSKIS TOD

5
Mai
2007

INTOLLERANZA

Kielspur

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: gerade von den Bühnen-Orchesterproben zu Nonos aufregender 'szenischer Aktion' zurückgekehrt - in tiefem Respekt vor Ensemble, Chor und Orchester des Münchner GPT sowie einem leidenschaftlich und präzise arbeitenden Regieteam. Wenn Freude vor einer Premiere nicht so entsetzlich gefährlich wäre...

Vorerst der Tipp für die obige DVD, die u.a. hier zu bekommen ist.

12
Mrz
2007

Paul Gerhardt *400

"Keines der 139 erhaltenen Gedichte Paul Gerhardts hat den Krieg zum Thema. Aber kaum eines wäre ohne ihn denkbar. Paul Gerhardts jubilierende Anbetung des Allmächtigen verdankt sich eben nicht nur der Rhetorik eines lutherischen Pfarrers, auch nicht allein der eines belesenen Dichter-Virtuosen, der es großartig versteht, alte Texte umzudichten. In ihr steckt Todeserfahrung. Dass alles vergänglich ist, dass nichts seinen Wert behält, dass alles zu Staub wird, hatte er erlebt, nicht nur gelesen. Es mag eine Barbarei sein, angesichts der Vernichtung Gedichte zu schreiben. Aber die Menschheit hat es immer wieder getan. Sie weiß, dass die Gedichte dem Grauen kein Ende machen, aber sie weiß auch, dass sie die Gedichte braucht, um das Grauen ertragen und so sein Ende erleben zu können. Auch das Grauen wird zu Staub. Aus diesem Staub ist Paul Gerhardt und ist die große deutsche Barockdichtung hervorgegangen."

Das ist fürwahr eine fulminante Würdigung, die Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau von heute dem Barockdichter hat zuteil werden lassen!
Es fehl höchstens der Verweis auf das ebenso wunderbare TREFFEN IN TELGTE von Grass. Und über den Schluß des Textes von Widmann kann man getrost geteilter Meinung sein. Welche Erwartung unseres Endes kann schöner sein als die, wie sie Paul Gerhardt formuliert?

Ich verehre ihn - und bei manchem Vers treibt es einem...
Nein, wir müssen hier nicht zu melancholisch werden. Das Lyrische ist bei PG zu kraftvoll, als daß wir darob zerfließen sollten.

9
Mrz
2007

...von der Kraft des Lyrischen

Kraft und Lyrik - ein Widerspruch? Ich hoffe, am Sonntag 11 Uhr (Einführung 10 Uhr, Kulturpalast Dresden) unser Publikum von der überwältigenden Energie des Lyrischen in unserem Konzert überzeugen zu können.

Es gibt zunächst die MELODIEN für Orchester des verehrten (und 2006 verstorbenen)

Ligeti1

György Ligeti, ein vorwiegend leises Stück voller Poesie, voller Farbschattierungen, Linien und Virtuositäten.

Danach Mozarts Klavierkonzert d-moll, KV 466, eines der bekanntesten und düstersten - dem GIOVANNI recht nahe.

Schließlich die neulich HIER bereits annoncierte 4. Sinfonie von Anton Bruckner in einer hoffentlich lyrischen, weniger blechgepanzerten Variante, auf die ich mich nach den ersten Proben mit dem Hochschulsinfonieorchester sehr freue!!

Karten zu 12 Euro an der Kasse am Vormittag!

26
Feb
2007

Große Werke der Oratorienliteratur

30.06.07, 20.00 Uhr, Klosterkirche Thalbürgl
01.07.07, 17.00 Uhr, Kreuzkirche Dresden

Ludwig van BEETHOVEN - Missa solemnis

Singakademie Dresden und Jena/Jenaer Philharmonie/EkkehardKlemm


06.10.07, 16.30 Uhr, Lukaskirche Dresden

Fanny HENSEL - HIOB
Johannes BRAHMS - Ein deutsches Requiem

Singakademie Dresden/Sächsische Staatskapelle/Ekkehard Klemm


28.10.07, 17.00 Uhr, Kreuzkirche Dresden

Felix MENDELSSOHN BARTHOLDY - ELIAS

Singakademie Dresden/Orchester der Landesbühnen Sachsen/Ekkehard Klemm



Mit Beethovens MISSA SOLEMNIS, mit dem DEUTSCHEN REQUIEM von Brahms – ergänzt durch Fanny Hensels Kantate HIOB – sowie mit Mendelssohns ELIAS stehen große und bedeutende Werke der Oratorienliteratur im Mittelpunkt der Konzerte des Großen Chores der Singakademie.

Wir freuen uns, dass dafür durchweg hochkarätige Partner und 'alte Weggefährten' gewonnen werden konnten.

Die Partnerschaft zum Chor aus Jena führte zuletzt zu einer wundervollen Aufführung des Requiems von Verdi (2004). Anders als damals wird beim Dresdner Konzert diesmal auch die Jenaer Philharmonie den Chor begleiten.
Die traditionelle Aufführung des Requiems von Brahms wird wieder durch die Partnerschaft zur Sächsischen Staatskapelle ermöglicht und in diesem Jahr durch ein unbekanntes Werk aus der Feder der Schwester Mendelssohns ergänzt.

Schließlich freuen wir uns auf mehrere Aufführungen des ELIAS von Mendelssohn gemeinsam mit den Landesbühnen Sachsen (die übrigen Termine stehen noch nicht fest), unserem dauerhaften Kooperationspartner, dem wir im Gegenzug auch bei seinen Konzerten mit CARMINA und Beethovens 9. Sinfonie zur Verfügung stehen. Bei diesem Konzert wird Kammersänger Olaf Bär erstmals in Dresden mit der Partie des Elias zu hören sein.

Kontrastprogramm III

18.12.07, 19.30 Uhr, Lukaskirche Dresden

ADVENTSSTERN 2007

Marc-Antoine CHARPENTIER - Messe de minuit
Lothar VOIGTLÄNDER - MenschenZeit (UA)
Jean Baptiste LULLY - Te deum

Großer Chor/Kinder- und Kammerchor der Singakademie/Sinfonietta Dresden e.V./Ekkehard Klemm


Mit einem französischen Abend läßt die Singakademie das Jahr 2007 ausklingen. Das Jahresmotto KULT&OPFER scheint hier vorerst keine Rolle zu spielen – augenzwinkernd und 'durch die Hintertür' indessen hat auch hier das Thema seine Spuren hinterlassen, denn die ADVENTSSTERNE der Singakademie sind ja mittlerweile Kult in Dresden... – und opferbereit verzichtet auch 2007 der Chor auf den Kult der Bachschen WO-Präsentationen und bereichert das Konzertleben stattdessen mit Unbekanntem und vor allem Neuem!
Aber auch im Ernst führt von den Klagen des Schubertschen Stabat mater, von der Myroloja in Schultz' "Archaische Landschaft..." ein roter Faden zu einem Text wie "Mais je ne pleure pas, d'ailleurs, - je crie." (Aber ich weine übrigens nicht, ich schreie.) von Eugène Guillevic.

Schon lange standen die beiden französischen Barockkomponisten auf der Wunschliste der Singakademie. Die "Mitternachtsmesse" Charpentiers ist eines seiner bedeutendsten Werke und stammt vermutlich aus dem Jahr 1690. Zehn französische Weihnachtslieder sind in ihr verarbeitet. Im Jahr 1677 entstand Lullys opulentes Te deum – es gehört zu den wichtigen Zeugnissen der musikalischen Pracht am Hofe Ludwig XIV. .

Solcherlei repräsentative Musik kontrastieren wir mit einem Zeitgenossen aus Deutschland: Lothar Voigtländer gehört zu den wichtigsten Komponisten der jüngeren Zeit, seine Bedeutung nahm nach 1989 noch zu. Er lehrt an der HfM Carl Maria von Weber in Dresden und gilt auch mit seinem unermüdlichen Einsatz für neue Formen und elektronische Musik als Stimme, die sich nicht zuletzt auf internationalen Festivals für neue Musik viel Gehör verschafft hat.
Bereits 1990 vertonte der Komponist in "Le temps en cause" Texte des französischen Dichters Eugène Guillevic, der 2007 100 Jahre alt geworden wäre. Das damals in Paris erklungene Werk erhält nun mit einer Umarbeitung und zahlreichen Ergänzungen unter dem geplanten Titel MenschenZeit eine völlig neue Form und Struktur und erklingt als Uraufführung.

Wie bei den vergangenen Adventssternen dürfen wir uns auch 2007 wieder auf die Zusammenarbeit mit Sinfonietta Dresden e.V. freuen!

Kontrastprogramm II

02.06.07, 19.30 Uhr, Palais im Großen Garten
Konzert im Rahmen der Reihe SingSCHULAkademie

Giacomo CARISSIMI - JEPHTE (in der Fassung und Instrumentation von Hans Werner Henze)
Hans KRÁSA - BRUNDIBÁR
Henry PURCELL - DIDO UND ÄNEAS

Kinderchor und Kammerchor der Singakademie Dresden/Mitglieder des Chorus Cantiuncularum/Sinfonietta Dresden/Paul-Johannes Kirschner/Ekkehard Klemm/
Tobias Mäthger


Dieses besondere Konzert gilt der jungen Generation und knüpft mit seiner Stückwahl gleichwohl an das Jahresmotto KULT&OPFER an: JEPHTE erzählt von einem Menschen, der geopfert werden soll, DIDO, die Prinzessin aus Karthago, opfert sich selbst. BRUNDIBÁR schließlich wurde im Ghetto Theresienstadt von Menschen musiziert, die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns und seiner Vernichtungsmaschinerie wurden. Die hoffnungsfrohe Botschaft dieser Kinderoper antwortet den Klagen der Stücke des berühmten Italieners und des wohl bedeutendsten englischen Komponisten vor Elgar und Britten.

Wir haben dieses Konzert größtenteils in die Hände junger Leute gegeben: unsere Assistenten Paul-Johannes Kirschner und Tobias Mäthger werden erstmals eigene Einstudierungen erarbeiten, der Kinderchor (Einstudierung und Leitung Claudia Sebastian-Bertsch) spielt die Oper in einer szenischen Version von Christiane Kapelle, die für die USA-Tournee im Februar erarbeitet wurde. Eine besondere Zusammenstellung wird es für Carissimi/Henze geben: die älteren Mädchen des Kinderchores bilden mit einigen ehemaligen Kruzianern des Chorus Cantiuncularum einen jugendlichen Chor, der unter Leitung des erst 20-jährigen P. J. Kirschner die Aufführung bestreiten wird.

Die Singakademie knüpft mit diesem Projekt an die Aktivitäten ihrer Reihe SingSCHULAkademie an, die der Arbeit mit und für junge Leute gewidmet ist. Bisher fanden öffentliche Proben mit Einführungsvorträgen in Schulen statt (Schumann, FAUST-Szenen), es wurde im Jahr 2006 erstmals ein Dirigierseminar gemeinsam mit dem Dirigentenforum des Deutschen Musikrates abgehalten, der Chor des Kreuzgymnasiums wirkte bei der Aufführung der CARMINA BURANA mit usw. usf.
Diesmal steht neben der Erarbeitung des Programms durch junge Leute auch die inhaltliche Auseinandersetzung wieder stark im Vordergrund. Es wird Kontakte zu Schulen, Einführungen und wahrscheinlich sogar Begegnungen mit Zeitzeugen geben, die die Aufführungen in Theresienstadt er- und überlebt haben. Auch eine Besichtigung der neuen Dresdner Synagoge wurde durch den Kinderchor unternommen. Bereits jetzt danken wir der jüdischen Gemeinde und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Dresden e.V. für ihre Hilfe und Unterstützung.

Partner dieses Konzertes ist wie bei vielen ungewöhnlichen Aufführungen und ambitionierten Projekten der letzten Jahre wieder die Sinfonietta Dresden e.V., die auch die UA von Manfred Weiss 2006 und unser Armenien-Projekt 2005 unterstützten – ein Engagement, für das wir außerordentlich dankbar sind!

Kontrastprogramm I

22.04.07, 19.30 Uhr, Versöhnungskirche Dresden

Franz SCHUBERT – Stabat mater g-moll D 175
Wolfgang Andreas SCHULTZ – "Archaische Landschaft mit heilender Trauer" (UA)
Franz SCHUBERT – Stabat mater f-moll D 383

Kammerchor der Singakademie Dresden/Dresdner Kapellsolisten/E. Klemm


Unter dem Motto KULT&OPFER stellt die Singakademie auch im Jahr 2007 außergewöhnliche, selten erklingende Werke vor. Wie in vielen vorangegangenen Konzerten steht an diesem Abend ein Kontrast zwischen Alt und Neu im Mittelpunkt, wobei selbst das Alte den meisten Zuhörern neu sein dürfte – zu unbekannt sind die beiden Vertonungen des Stabat mater von Schubert.

Der junge Komponist vertonte den zur katholischen Liturgie gehörenden Text innerhalb recht kurzer Zeit in zwei Versionen: 1815 in einer kurzen lateinischen Fassung, ein Jahr später nach einer Parodie von Klopstock aus dem Jahre 1766. Klopstock hatte die deutsche Neutextierung des lateinischen Textes offensichtlich für das Werk Pergolesis gedacht. Mit Klopstocks Worten wurde Pergolesis Stück vermutlich 1770 in Leipzig aufgeführt – ein interessantes Detail der wechselvollen Beziehungen der Musikgeschichte: Johann Adam Hiller veröffentlicht Pergolesis Werk mit seperatem Druck der Worte Klopstocks und schaffte so die wahrscheinliche Vorlage für Schubert, der ein großer Anhänger der Oden, Elegien und geistlichen Lieder Klopstocks war und bereits mehrere davon vertont hatte.

Das Werk bezieht sich einerseits auf Pergolesi, wie es in Charakter und Instrumentation auch ganz deutlich mit Haydns "Sieben Worten des Erlösers am Kreuz" in der Oratorienfassung (von der Singakademie 2004 aufgeführt) korrespondiert. Zusammen mit dem in g-moll stehenden lateinischen Stabat mater D 383 des 18-jährigen Schubert bilden beide Werke einen überaus spannenden Blick auf einen uns weitgehend unbekannten Teil aus dem Oeuvre des Wiener Komponisten.

Mit "Archaische Landschaft mit heilender Trauer" von Wolfgang Andreas Schultz stellen wir einen zeitgenössischen Kontrast in die Mitte des Programmes, der beziehungsvoll antwortet: in den Bergtälern Griechenlands existiert vereinzelt noch der Brauch der Myroloja, eines heilenden Klagegesanges. Der Psychologe Jorgos Canacakis hat mit seiner Beschreibung der Myroloja den Hamburger Komponisten zu seinem Stück inspiriert. Schultz arbeitet und lehrt an der Hamburger Musikhochschule, war Schüler und Assistent G. Ligetis und forscht gegenwärtig vor allem zum Thema "Musik und Spiritualität". Ein streitbarer Aufsatz "Avantgarde und Trauma" erschien erst jüngst in der Zeitschrift DAS ORCHESTER (2/07).
Das neue Stück ist für Streicher geschrieben und erklingt als Uraufführung.

Für das Konzert konnten erstmals die Dresdner Kapellsolisten mit ihrem Leiter Helmut Branny als Partner gewonnen werden – die Singakademie ist dankbar für dieses Engagement des mittlerweile weltweit auftretenden, durch hervorragende CD-Produktionen bekannten Kammerochesters und freut sich auf die Zusammenarbeit, die auch im Jahr 2008 fortgesetzt werden soll.

23
Feb
2007

FIDELIO - LEONORE

Leonore

Eine rundum beglückende Vorstellung der LEONORE (die Urfassung des FIDELIO aus dem Jahr 1805) am gestrigen Tag in München (Gärtnerplatztheater) läßt mich auf dieses selten zu hörende Opus aufmerksam machen. Das Werk ist m.E. das bessere von beiden - es beginnt bereits mit einer viertelstündigen Ouvertüre (Leonore II), die an Gewagt- und Schroffheiten kaum zu überbieten ist: die nach dem ersten As-Dur fortissimo viermal eingefügten Riesenpausen (bei Tempo 60 die Achtel also 4x5 Sekunden Pause!!! - möglich, dass ich gestern etwas rascher war) füllt Beethoven in der bekannteren Ouvertüre Leonore III mit Holzbläser-portato-Akkorden; als wenn er die unerträgliche Stille nicht mehr aushielte oder seinem verständnislosen Publikum nicht mehr zumuten mochte.

Und dergestalt gibt es unzählige Details, die mit dem fast doppelt so langen F-Dur im Finale ("O Gott, welch ein Augenblick") noch nicht enden: darin finden sich zwei dissonante Verschärfungen, die jedesmal mit Marzelline korrespondieren - dem eigentlichen Opfer des Stücks; diesem Konflikt - der Leonore zusätzlich in den Wahnsinn treibt (sie muß Marzelline täuschen, um ihren eigenen Mann retten zu können) - ist ein ganzes Duett gewidmet. Auch das fehlt im FIDELIO, wie leider vieles andere.

Beide Stücke sind genial - die Urfassung jedoch ist die noch genialere, avantgardistischere, kühnere.

Noch am Sonntag 16 Uhr und am 2. März.

22
Feb
2007

PETER GRIMES

Der neue Dresdner GRIMES ist irritirend.

Gespannt auf den Ansatz des interessanten Regisseurs Sebastian Baumgarten sieht man das Stück statt in den Fluten des Ozeans in Flaschen und Kästen der Marke Margon (in Sachsen soeben ganz kapitalistisch aufgekauft und verscherbelt) versinken. Grimes als Turbokapitalist eines Getränkemarktes; sein zweiter Gehilfe sitzt im Rollstuhl (der erste war laut Vorlage ja auf See umgekommen). Auch der zweite rutscht ab und fällt die Klippe hinunter - in Dresden bringt ihn Grimes (laut Handlungsangabe!) um. Das ist leider völlig falsch - Grimes ist eben kein billiger Kindesmörder. Und darüber geht auch der Rest des Abends in die Binsen. Ein Margonwasser sprudelnd verspritzender Chor während des existentiellen Sturms des 1. Aktes wirkt einfach lächerlich.

Fragen auch an die Musik: Bolton ist Engländer - muß so Britten klingen? Wenn ja, habe ich ihn anders verstanden. Bolton musiziert (bei allerdings hervorragenden pianissimo-Passagen) locker und gelöst - und genau das ist mein Problem: der Beginn des Stückes ist doch bissig, anklagend und scharf!!! So aber kommt er beinahe beiläufig daher. Das Stück gerät teilweise in die gefährliche Nähe des Musicals. Die riesigen Kontraste und die poetische Bandbreite scheinen mir zusammengeschrumpft auf ein kleines Sozialdramolett in einem modernen Getränkemarkt...

Sorry, Kollegen. Ich bin tief enttäuscht und sehe in dem gewaltigen Opus bei weitem andere Dimensionen. In Dresden bekommt Grimes Pillen, die er tapfer schluckt. Im Original soll er sein Boot im Ozean selbst versenken, was er auch tut. In der Differenz dieser beiden Todesversionen liegt das Mißverständnis des Abends begraben...

Hervorragende Sängerinnen und Sänger!

PS: eben schaue ich nochmal nach - die Handlungsangabe im Programmheft vermerkt. "Peter tötet den Jungen" - das ist definitiv nicht richtig und stellt das Stück wirklich auf den Kopf. Dann hätte ja die geifernde Menge am Ende gar recht behalten; das geht einfach nicht auf. Nicht zuletzt sprechen die ungeheueren Lyrismen des Grimes gegen eine solche Sicht. Die ungeklärten Tode beider Jungen gehören zum Kern des Stücks - erst dadurch wird das Treiben der Menge wirklich diabolisch.
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