18
Sep
2013

Jahrestagung GfM

An der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden hat die Jahrestagung der gesellschaft für Musikforschung begonnen.

Eine Begrüßung.

7
Sep
2013

Erinnerungen an Martin Flämig

Martin-Flaemig-Chr-Wetzel

[Gedanken, die ich heute bei einer Gedenkveranstaltung über meine Erinnerungen an die Zeit zwischen 1971 - 77 im Kreuzchor beisteuern sollte - Mosaiksteinchen, die von etlichen anderen Kollegen weitergeführt wurden. Das Bild stammt von Christoph Wetzel und wurde durch den Förderverein des Kreuzchores heute der Vergessenheit entrissen.]

Erinnerungen an Kreuzkantor Martin Flämig
zu seinem 100. Geburtstag

Meine erste Begegnung datiert von 1970 und ist eigentlich eher eine Erinnerung im Zusammenhang mit Rudolf Mauersberger. Dessen schlechter Gesundheitszustand hatte die Verantwortlichen bewogen, eine Nachfolgeregelung voranzutreiben. In diesem Zusammenhang gab es offensichtlich Gespräche mit Martin Flämig, der eines Tages zu einer Vesperprobe – meines Wissens an einem düsteren Freitagabend – auf einem der so wunderschön harten Holzstühle am Geländer der Chorempore saß. Ich entsinne mich einer gespenstischen, bedrückenden Atmosphäre. Mauersberger dirigierte, Flämig war uns kurz vorgestellt worden, m.E. sogar von Mauersberger selbst. Gerüchte machten die Runde. Dass mit der Anwesenheit eines möglichen Nachfolgers quasi offiziell beglaubigt wurde, die über 40-jährige Ära neige sich dem Ende zu, hat mich und viele andere merkwürdig berührt. Alle dachten: Aha, das soll wohl der neue Kreuzkantor werden? Es muss wohl an die 20 – 30 Minuten gegangen sein, als es aus Mauersberger herausbrach und er mit dem berühmten Krächzen klarstellte: "Ihr denkt wohl, ich sterb'? Ich sterb' noch lange nicht!"

Die letzten Monate unter Mauersberger verliefen alles andere als konfliktfrei. Wir standen auf dem Sprung und rechneten oft mit einem Zusammenbruch, wie es ihn bei einem Bachschen WO schon gegeben hatte (im Dezember 1968). Wir, das waren Olaf Bär, Egbert Junghanns, Andreas Göhler, Martin Schüler, Tilman Rau, Achim Zimmermann und alle, die mit uns damals in der Mitte der ersten Reihe standen – Soprane von 12 oder 13 Jahren… So sehr uns der Tod Mauersbergers mitgenommen hatte, empfanden wir deshalb den Amtsantritt von Martin Flämig als einen Aufbruch! Die Matthäus-Passion 1971 war vital, die ersten Proben verliefen inspirierend. Mit dem berühmten Rollkragen-Pullover (oft weiß, ich glaube, manchmal blau und selten schwarz; gelegentlich auch mit Hemd und Pullover) leitete Flämig die Proben vom Klavier aus, das später von Ulrich Schicha oder den Präfekten gespielt wurde. Er machte Atemübungen mit uns, neues Zeug, das wir nicht kannten… Irgendwann fiel der Satz: "Jongs, und wenn die Welt hinter Euch unterginge – Ihr habt Euch nicht umzudrehen!"

Der Spruch hingegen: "Jongs, wir singen einen Tonsatz von Adam Gumpelzhaimer" war weniger beliebt. Flämig schätzte die schlichten Stücke des "Geistlichen Chorlieds", des sogenannten 'Grotschi' außerordentlich, sie erklangen oft in Vespern und Gottesdiensten. Ihre Schlichtheit erschloss sich vielen nicht – fast schien es, die Kruzianer fühlten sich unterfordert: Eine anspruchsvolle Motette musste es schon sein! Es schwelte ein Konflikt, der sich in einer veritablen Aktion entlud, bei dem Teile des neu erworbenen Notenmaterials Tätlichkeiten überstehen mussten…

Schwieriger waren jedoch Auseinandersetzungen zu zwei Themen, die heute sicher ganz anders bewertet werden müssen als damals. Natürlich waren die Schweiz-Reisen des neuen Kantors relativ schnell Grund zu Konflikten. Ulrich Schicha war ein perfekter Assistent des Kreuzkantors und seine Arbeit kann gar nicht genügend gewürdigt werden. Dass ein Kreuzkantor allerdings überhaupt einen Assistenten benötigte und einsetzte und obendrein noch andere Ämter bekleidete – das war nach Mauersberger neu und Grund des Anstoßes. Alle drei Wochen fuhr Flämig mit seinem VW-Käfer in die Schweiz und kehrte meist Donnerstag/Freitag wieder zurück. Aus heutiger Sicht ist völlig klar, dass ein DDR-Bürger mit der Möglichkeit einer Arbeit im Westen diese Tür nicht verschloss. Er hat sie ganz sicher auch zum Besten des Kreuzchores genutzt.

Das zweite Thema war die Beeinflussung des Chores durch staatliche Stellen. Man trachtete danach, dem Kantor und der Kirche Macht abzunehmen und Gegenkräfte zu installieren, die in der Funktion des Direktors Richter und des Internatsdirektors Hönschel Gestalt gewannen. Es wäre sicher auch für die Forschung von Interesse, welchen Kämpfen Flämig ausgesetzt war. Ich kenne Erzählungen von einer Elternversammlung, bei der hinsichtlich einer geplanten Reise von Flämig Zugeständnisse erwartet wurden. Er sollte u.a. dafür bürgen, dass keiner der Jungs im Westen bliebe. Das hat er nicht getan und nach heftigen Wortwechseln die Versammlung verlassen. Meinem Vater nötigte die standhafte Haltung damals Respekt ab. Fakt ist, es gab bis 1977 keine West-Reise, sondern nur vergebliche Anläufe dazu. Meist hieß es im Sommer und Herbst, es sei etwas geplant, aber einmal kam der Zypern-Konflikt einer Griechenland-Reise in die Quere, ein andermal hieß es, der Chor hätte in Belgien in zu schlechten Unterkünften übernachten sollen – die Pläne fielen in sich zusammen und führten dazu, dass nach Weihnachten die Stimmung schnell sank. Die Disziplin ließ arg zu wünschen übrig und führte zu ernsthaften Problemen auch mit der Schallplatte. Nach den Schütz-Aufnahmen, den Bach-Messen, dem Weihnachts-Oratorium mit Martin Flämig ging es auf einmal nicht mehr weiter und es gipfelte in der Aufnahme von Volksliedern mit einer Art Pop-Gruppe. Das war sozusagen unter unserer Würde. Die Situation um 1975/76 war in der Tat sehr schwierig. Nach meinem Ausscheiden 1977 erhielt ich dann Postkarten aus Alicante und aus Japan – wir hatten versucht, das Ruder wieder etwas in die andere Richtung zu steuern.

Großen Eindruck hat Flämig bei mir hinterlassen mit dem Repertoire, das wir musiziert haben und durch seine emotionale Art, wie er es dirigierte. Nicht selten führte das zu sehr vitalen Interpretationen, bei denen der Eingangschor der Matthäus-Passion in breiten Achteln begann, um in doch recht flüssigen punktierten Vierteln zu enden… Unvergessen auch die ungekürzten WO-Aufführungen, bei denen die Güttlersche Trompete zu Beginn der Kantate 6 für ein erleichtertes Aufatmen im weiten Rund der Kreuzkirche sorgte. Das Brahms-Requiem unter Flämig war stets ein spannungsvoller Abend, neu hinzu kamen erstmals auch Dvořak und Verdi, was zu Fragen führte, ob das das richtige Repertoire sei. Viel mehr aber haben mich die neuen Dinge beeindruckt: Stravinskis Psalmensinfonie (zusammen mit Bach Magnificat und Udo Zimmermann Ode an das Leben) im Kulturpalast, Frank Martin (Requiem und In terra pax), Arthur Honegger (Weihnachtskantate und König David), Willy Burkhard (Die Sintflut), Heinrich Kaminski (Magnificat – mit der famosen Inge Uibel, die in höchsten Höhen trällerte). Und ich erinnere mich auch deutlich an einen Feuerreiter von Hugo Wolf und sogar Pfitzners Kantate Von deutscher Seele – man höre und staune. Das wurde – ich bitte die Musikwissenschaftler zu recherchieren – unter Flämig zu DDR-Zeiten in Dresden aufgeführt! Unvergessen auch eine unheimlich spröde Lukas-Passion eines schweizerischen Komponisten namens Richard Sturzenegger. Wir hatten sogar die Orchesternoten selbst geschrieben, die Kopien allerdings waren unleserlich; das Stück wurde abgesetzt und im Jahr darauf uraufgeführt – die Hoffnungen auf einen Ausfall waren umsonst. Gegen Ende meiner Kruzianerzeit entstanden gerade Auftragskompositionen, u.a. von Siegfried Köhler und Paul Dessau. Die 8-stimmigen Chöre nach Texten von van Gogh des Letzteren haben unsere Nachfolger uraufgeführt – wir durften in einer von Schicha geleiteten 'Präfektenstunde' die Komposition begutachten und damit offiziell 'abnehmen', damit Dessau sein Geld bekam.

Ich verdanke Martin Flämig sehr viel – die Prägung einer dem Neuen zugewandten künstlerischen Haltung gehört ganz besonders dazu. Auch die Grunddisposition, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen und Reibungsflächen nicht zu scheuen. Ich bin sicher, Flämig hat es den DDR-Oberen durchaus nicht einfach gemacht – allein dafür gebührt ihm tiefer Dank, den ich ihm kurz vor seinem Tod auch schriftlich überbracht habe. So ist mir seine Antwort von 1997 ein wertvolles Dokument und ein Zeichen der Verbundenheit. Daran, dass ich heute als Dirigent und Hochschulrektor hier stehe und spreche, hat er riesigen Anteil.

http://www.kreuzchor.de
http://www.kreuzchor.de/deutsch/foerderverein.php
http://www.foerderverein-kreuzchor.de

26
Jul
2013

Zitat von Moritz Eggert:

Erfahrungen.
Staunen.
Erlebnisse.
Unbenennbares.
Einsichten.
Entrückungen.
Epiphanien.
All dies kann gibt keinen Profit, ist nicht greifbar.
Daher ist es uns nichts mehr wert.

Daher schicken wir Unternehmensberater zu den Orchestern, die dann – wenig überraschend – feststellen dass Töne, Klänge und das Erleben derselben keinen direkten Profit bringen. Was dann bedeutet, dass wir dieses Orchester abbauen müssen.
Und wenn das Orchester dann abgebaut und abgewickelt ist, gehen wir zu den Hochschulen, die die Musiker ausgebildet haben, die in dem abgebauten Orchester gespielt haben. Dann sagen wir dieser Hochschule – nennen wir sie Trossingen, oder Mannheim, oder wie auch immer – dass wir sie jetzt nicht mehr brauchen, da wir ja jetzt auch nicht mehr die ganzen Musiker brauchen, die früher in dem Orchester gespielt haben das es nun nicht mehr gibt. Weil wir es abgebaut haben. Diesen Vorgang kann man so lange wiederholen, bis es gar keine Hochschulen mehr gibt, und auch gar keine Orchester mehr, bis alles eingespart wurde.


zu finden auf dem bad blog of musick

18
Jul
2013

Situation der Musikhochschulen in Baden-Württemberg

Der SWR 2 sendet diese Woche ein Cluster zum Thema Musikhochschulen. Gibt es davon zu viele und studieren dort zu viele Ausländer?

Meine untenstehende Stellungnahme reagiert zunächst auf die Thematisierung der Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer, inzwischen hat die (grüne!) Kunstministerin ihre Pläne vorgestellt, Trossingen quasi zu schließen, Mannheim (einstmals mit Mozart der Ort eines der avanciertesten Orchester...) zur Pop-Hochschule zu machen und insgesamt 500 Studienplätze abzuschaffen. Ein Aufschrei ist nötig. Aber auch ein Umdenken - allerdings nicht in die in BW vorgesehene Richtung. Interessanterweise wachsen in den wirtschaftlich erfolgreichen Ländern Asiens die Orchester und Opernhäuser...


Leserkommentar zum Thema: Musikhochschulen bilden zu viele Studierende aus/Gebühren für Nicht-EU-Ausländer (SWR2-Cluster vom 15. – 19.07.2013)

Es ist erschreckend, dass fast in allen Stellungnahmen das Thema Studiengebühren, Anzahl von Nicht-EU-Ausländern an deutschen Musikhochschulen usw. auf Zahlen oder Prozente reduziert wird. Sollte nicht zuvörderst erst einmal über Inhalte diskutiert werden?

• Hat die Gebührenfreiheit eines Studiums in Deutschland für ALLE nicht einen geschichtlichen Hintergrund? Sich nach Holocaust und zwei Weltkriegen als weltoffen, demokratisch und aufgeschlossen zu präsentieren - ist das jetzt nicht mehr nötig?

• Keines der Länder MIT Studiengebühren hat nur annähernd eine solch lebendige Musiklandschaft, wie sie hierzulande existiert.
Inwiefern betreten wir mit der Entscheidung für Gebühren das Gelände einer Kommerzialisierung von Kunst und Musik, der zu widerstehen die Grundlage aller großen Kunst ist? H. Lachenmanns Auseinandersetzung mit dem 'ästhetischen Apparat' - alles schon Schnee von gestern und Makulatur einer nur mit Privat-Geldern zu renovierenden Absteige abgehobener Avantgardisten?

• Welche Rolle spielen ethische Grundsätze, die Studierendenschaft in zahlende und nicht zahlende Gruppen einzuteilen?

• Inwiefern zeigt sich in den Entscheidungen, Nicht-EU-Ausländer zahlen zu lassen, auch - mit Verlaub - ausländerfeindliches Potenzial? Das würde ich keinem der Beiträge unterstellen wollen, habe es allerdings in politischen Diskussionen leider deutlich vernehmen müssen! Immerhin ist die Stossrichtung "nur noch Koreaner", "die reichen Asiaten" überhaupt nicht zu verkennen! Was ist eigentlich mit den armen Weißrussen und Ukrainern, wahlweise Russen, Serben oder Kasachen? Haben die alle einen Oligarchen im Hintergrund? Können wir in Deutschland eine solche Diskussion wirklich ungestraft zulassen?

• Inwiefern untergraben die Entscheidungen eines der erfolgreichsten Werbemodelle FÜR Deutschland? Alle Spitzenorchester tummeln sich in Asien in den Konzertsälen, die Musiker telefonieren mit Samsung-Telefonen oder Huawei, Wirtschaftsbeziehungen, Ausstellungen aller Art - ist es irgendwie angemessen, im Gegenzug gerade einmal drei- bis viertausend (vor allem) asiatische Studierende abzukassieren?

• Und was ist eigentlich mit den indischen, wahlweise australischen oder amerikanischen IT-Spezialisten, denen wir am liebsten das Geld noch hinterhertragen, damit sie bei uns studieren oder arbeiten ...

Hängt am Ende alles womöglich damit zusammen, dass die Musik in Deutschland zu einem Marktwert verkommen ist? Herzlichen Glückwunsch dem SWR zu den Entscheidungen hinsichtlich seiner Orchester in Stuttgart und Baden-Baden! Die Flaggschiffe ambitionierten bis avantgardistischen Musizierens werden geschliffen. Der MDR in Leipzig lässt sein Orchester ehrlicherweise gleich Tom Tykwer ("Cloud Atlas") und "Wagner Reloaded", ein Crossover, gegen das jede Hollywood-Schnulze fast modern wirkt, spielen. Die Dirigenten: jung, schön, charismatisch, am besten halb Dompteur, halb Diktator, aber bitte unbedingt auch ganz lieb und jeder Evaluation gegenüber aufgeschlossen, ja kein Stress mit zu viel Avantgarde, das vertreibt das Publikum. WAS ein GMD heute dirigiert, Fragen des Denkens und Interpretierens spielen eine untergeordnete Rolle. Die Biografien sind austauschbar geworden. Man vergleiche z. B. die Vita eines, sagen wir: Michael Gielen, Jevgeny Mravinsky oder Hermann Scherchen mit der eines x-beliebigen Stars von heute: Wien, Mailand, London, etwas Amerika, Salzburg natürlich und Bayreuth - wie und was, völlig zweitrangig. Meinen wir wirklich, mit SOLCHEN Inhalten hätte die Musik künftig eine Chance?

Sehe ich zu schwarz? Vielleicht. Aber mit Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer lösen wir die existenzielle Krise der Kunst und Musik nicht. in 10 Jahren zahlen dann alle dafür, ein Studium machen zu dürfen, um hinterher irgendwann mal mit Zeitvertrag etwas Crossover abliefern zu dürfen, im günstigsten Falle noch etwas Tschaikowski oder Brahms beim Open-Air.

An deutschen Musikhochschulen werden deshalb viele (und keinesfalls zu viele!) junge Leute ausgebildet, weil gut ausgebildet wird, weil die Musik in Deutschland im Zentrum der Aufmerksamkeit einer ganzen Kultur steht und weil dieses hohe und lang erkämpfte Gut von aller Welt bewundert wird.
Noch. Die Flutpegel steigen - und die existenziellen Hochwasserschutzmaßnahmen sind wichtiger, als einen kleinen Nebenarm in ein neues Flussbett zu zwingen.

24
Feb
2013

Zum Tod von Wolfgang Sawallisch

Sawallisch

Das Bild auf den alten ETERNA-Platten spricht Bände: Präzision, Wachheit, phantastische Ohren... - und Dienst am Werk. Die Schumann-Aufnahmen mit den Dresdnern unter Sawallisch haben mich stark geprägt. Der schlanke Klang, ein Musizieren auf höchstem Niveau ohne plakative Manierismen und die Perfektion der Darbietung sind beeindruckend. Gerhard Rohde schreibt auf FAZ.net einen Nachruf.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/zum-tod-des-dirigenten-wolfgang-sawallisch-der-vollkommene-maestro-ist-ein-alter-capellmeister-12092884.html

15
Feb
2013

Zum Tod von Friedrich Schenker

Friedrich-Schenker

...habe ich Erinnerungen zusammengetragen, die auf www.Musik-in-Dresden.de zu finden sind unter dem Titel:

LUSTVOLL AUF MESSERS SCHNEIDE

25
Jan
2013

Grußwort zum Richard-Wagner-Symposium in Dresden

Weitere Informationen unter: http://www.hfmdd.de/aktuell/wagner-folgen/

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Alles ist möglich!

Dass die Sächsische Akademie der Künste sich mit dem Lehrstuhl Musikwissenschaft der Technischen Universität, der Semperoper, der Sächsischen Staatskapelle und der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden verbündet, um eine gemeinsame Konferenz abzuhalten – 5 nicht eben unterbeschäftigte und sicher auch nicht immer unkomplizierte Partner in einem Boot: Richard Wagner macht es möglich und ich freue mich aufrichtig über diese gelungene Synergie eines – mit Verlaub - Fünfers mit Steuerfrau, denn mir scheint, wir dürfen den prominent besetzten Kahn der himmlischen Führung der verehrten Intendantin Ulrike Hessler anvertrauen, der wir einen dankbaren Gruß für die Unterstützung der Idee dieser Konferenz nachsenden.

Wohin wird uns das Boot treiben? In Dresden scheint z.Zt. vieles möglich! Die Errichtung eines neuen Wagner-Museums etwa, dessen Konzeption und Eröffnung in den Händen eines jüdischen Dirigenten liegt – wobei der Dank hier eher nach Pirna gehen sollte. Dresden selbst geht mit seinem finanziellen Engagement in Sachen Wagner – mit Verlaub – eher sparsam um, wirbt aber werbewirksam und musikhistorisch akzeptabel korrekt mit dem Slogan: "Wo Wagner WAGNER wurde". Ich gestehe, die Kampagne gefällt mir besser als jene der Nachbarstadt, bei der wir Richard als "Herr des Rings" in einer Fantasy-Rüstung eines südkoreanischen PC-Spiels bestaunen dürfen – die von der Stadt Leipzig beauftragte PR-Firma gibt sich derweil zerknirscht, weil Kopierrechte nicht eingehalten wurden und die Geburtsstadt nun womöglich in die lebenslange Falle ihres berühmten Sohnes tappt: jene der Schulden… Jedoch sei uns alle Häme beim Umgang mit der Werbung für Leistungen, die nicht wir selbst erbracht haben, fern. Schön, dass und wie wir alle von Richard Wagner profitieren, uns ernähren und dabei wichtige Anstöße gern in den von seinem Kompositionsnachfolger Richard Strauss so geliebten Skat drücken. In Dresden ist es sogar möglich, dass der von Wagner vorgebrachte Ruf nach einem geeigneten Konzertsaal nach überschlägig reichlich 160 Jahren noch immer der Realisierung harrt, worauf Dr. Reiner Zimmermann im neuesten der Dresdner Hefte kundig aufmerksam macht. Hoffen wir, dass der Palast in Bälde auch wirklich zum Palast gerät. Alles ist möglich!

Auch, dass ein gefeierter Kapellmeister – wir wissen, dass er den Begriff 'Pultstar' ganz sicher verabscheut – zum veritablen Musikschriftsteller wird und seine Dresdner Wagner-Darbietungen nicht mit Lohengrin, sondern mit theoretischen Abhandlungen beginnt! Und niemand behaupte, Thielemanns Buch sei in München verlegt oder vielleicht in Berlin oder Potsdam geschrieben worden – nein: mit dem Erscheinungsdatum Herbst 2012 und damit NACH seinem Antrittskonzert bei der Sächsischen Staatskapelle reklamieren wir die hochinteressanten Auseinandersetzungen als ein Werk der Dresdner Zeit! Punkt.

In Sachen Wagner selbst scheint ohnehin alles möglich – dass ein Leipziger Knabe in der Dresdner Kreuzschule auf Linie gebracht wird, was seine späteren künstlerischen Ambitionen betrifft, leuchtet uns dabei noch am schnellsten ein. Dass der in Magdeburg, Königsberg und Riga mäßig erfolgreiche und von Schulden geplagte Musiker ausgerechnet an der Elbe zur Hochform aufläuft und dabei sogar noch zum Revolutionär wird, überrascht schon etwas. Weniger, dass er deswegen fluchtartig die Stadt verlassen muss. Typisch Dresden, höre ich höhnen.

Erstaunlich aber wiederum, dass jede Menge reformatorische Ideen trotz anfänglicher Schwierigkeiten letztendlich umgesetzt und zum Erfolg geführt werden, es handle sich um die Errichtung von Opernhäusern, die Strukturierung eines Orchesters inklusive seiner Platzierung, die Einrichtung von Chor-Akademien und einer Orchesterschule, die immerhin 7 Jahre nach Wagners Flucht schon gegründet wurde und damit der 13 Jahre früher installierten Leipziger Institution weniger hinterherhinkt, als zu befürchten gewesen wäre. Eine Idee übrigens, die mir als dem momentanen Rektor ebenso viel Ehre wie Bürde der Verantwortung bedeutet. Die Last des Amtes wird übrigens leichter beim Nachdenken über Weber und Wagner als Streiter für das Neue in ihrer Zeit… - das ist ein Ansatz, der beflügelt.

Leider ist in Dresden auch möglich, dass über die Etablierung und den Ausbau einer attraktiven universitären Musikwissenschaft völlig unzureichend nachgedacht wird. Profilbildung und Alleinstellungsmerkmale, Akkreditierungen und andere Schlagworte stehen seit Bologna gern im Fokus und könnten dazu führen, dass eine der leuchtenden Musikstädte der Welt mit ungezählten Schätzen in einer der besten Bibliotheken europaweit und einer achthundertjährigen Musiktradition ohne universitäre Musik-Forschung dasteht. Aus Sicht der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden unvorstellbar, weshalb wir alles tun wollen, die Kollegen im Campus der TU um Prof. Ottenberg zu unterstützen – die Konferenz wird sicher zeigen, wie unverzichtbar dieses Institut für Dresden ist.

So sind wir froh, dass in Dresden auch innovatives Denken und kreative Programmplanung Platz haben. Ich danke Prof. Dr. Heinemann ganz herzlich, der von Seiten der Musikhochschule die Beteiligung an dieser Konferenz koordiniert hat. Ich danke Akademiepräsident Prof. Dr. Gülke, Prof. Dr. Ottenberg, Frau Dr. Landmann und Tobias Niederschlag für alle ermutigende Kooperation.
Auf die vieldeutig konzipierten "Wagner&Folgen" der Musikhochschule darf ich Sie aufmerksam machen und herzlich einladen, am Samstagabend nicht nur Wagner, sondern auch Liszt, Debussy, Lutosławski sowie der Henze-Fassung der Wesendonck-Lieder zu lauschen und dabei die Exponate zum Thema zu betrachten, die in Zusammenarbeit mit dem Bund Bildender Künstler aus Leipzig sowie dem Sächsischen Musikbund ihren Weg in die Gänge und das Foyer des Konzertsaales der Musikhochschule gefunden haben. Im Herbst werden die Dresdner Studierenden den Veranstaltungszyklus gemeinsam mit Studierenden aus Dresdner Partnerstädten und Partnerinstitutionen abschließen. Junge Musikerinnen und Musiker aus St. Petersburg, Wrocław, Brno, Strasbourg, sicher auch aus Salzburg, Seoul und New York werden in der Stadt, "wo Wagner WAGNER wurde" gemeinsam Ausschnitte aus TRISTAN und GÖTTERDÄMMERUNG, aber auch Sacre du printemps von Stravinski und ein studentisches ganz neues Werk erarbeiten und in Dresden und Bayreuth aufführen. Den Blick mehr nach vorn als zurück – so wie Richard Wagner eben auch.

In Dresden ist das möglich.

20
Okt
2012

Tagung Musiker 3.0 in Dresden II

Referat innerhalb der Tagung Musiker 3.0 an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden

Sie wollen sich der Kunst weihen. Es ist meine Pflicht,
Sie auf die unendlichen Schwierigkeiten aufmerksam zu machen,
die Sie dann zu überwinden haben. Ich kenne das Talent nicht,
das Ihnen Gott verliehen hat , ich weiß nur, daß selbst das
außerordentliche noch der günstigsten Umstände bedarf,
um Bedeutendes zu leisten und in der Welt etwas zu gelten.


Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Mit den zitierten Worten wendet sich Carl Maria von Weber 1824 an Aloys Fuchs in Wien, der ihn gebeten hatte, über die Aussichten des Musikerberufes seine Ansichten mitzuteilen.

Ich stehe nicht an, in gebotener Kürze Zutreffenderes, Aktuelleres und Anregenderes zum Thema Musikerberuf der Zukunft aus dem Blickwinkel der Koordinaten Hochschule und Ausbildung zu sagen, als dies der Namenspatron unserer Hochschule getan hat. Dennoch sei der Versuch gewagt, einige zeitgenössische Kommentare hinzuzufügen.

Gliedern möchte ich dieses Statement in 3 Teile, die Fragen nach:

1. dem Warum
2. dem Woher
3. dem Wohin

1. Warum

Im Vorfeld der Beschäftigung mit dem Thema der Tagung hat mich am meisten die Frage beschäftigt, warum wir uns überhaupt mit der Zukunft des Musikerberufes so intensiv auseinandersetzen. Ist der Beruf gefährdet? Wird er von außen in Frage gestellt? Ist er tatsächlich solch gravierenden Veränderungen unterworfen, wie man uns glauben machen will oder wir selbst es fühlen? Worin sollten diese Umbrüche bestehen?
Um nur einen aktuellen Streitfall herauszugreifen, jenen, bei dem den Hochschulen vorgeworfen wird, sie bildeten zu viele Solisten aus (die niemals welche würden) und mäßen dem Orchesterspiel zu wenig Aufmerksamkeit zu. Mit Verlaub: Richtig neu ist dieser Streit nicht. Er findet sich bereits bei Leopold Mozart, der im 12. Hauptstück seiner Violinschule von 1756 unter §4 resümiert:

"Man schließe nun selbst ob nicht ein guter Orchestergeiger weit höher zu schätzen sei, als ein purer Solospieler? Dieser kann alles nach seiner Willkuhr spielen, und den Vortrag nach seinem Sinne, ja nach seiner Hand einrichten: da der erste die Fertigkeiten besitzen muß den Geschmack verschiedener Componisten, ihre Gedanken und Ausdrücke alsogleich einzusehen und richtig vorzutragen. Dieser darf sich nur zu Hause üben um alles rein herauszubringen, und andere müssen sich nach ihm richten; iener aber muß alles vom Blatte weg, und zwar oft solche Passagen abspielen, die wider die natürliche Ordnung des Zeitmaaßes lauffen… Ein Solospieler kann ohne grosse Einsicht in die Musik überhaupts seine Concerte erträglich, ja auch mit Ruhme abspielen; wenn er nur einen guten Vortrag hat: ein guter Orchestergeiger aber muß viele Einsicht in die ganze Musik, die Satzkunst und die Verschiedenheit des Charakters haben…
Der Passus schließt mit dem Stoßseufzer:

"heut zu Tage will alles Solo spielen".

Beim Deutschen Bühnenverein klingt derselbe Stoßseufzer so:

"Dringend erforderlich ist es, die Ausbildung zunehmend nicht auf eine Solistentätigkeit, sondern mehr auf die Tätigkeit eines Orchestermusikers zu fokussieren"
(Sollte ich die Bemerkung hinzufügen, dass ich die direkte Tonart und Ehrlichkeit des großen Leopold der diplomatischen Verklausulierung der geschätzten Kollegen von 2012 durchaus vorziehe?)

Zwischen beiden Stellungnahmen liegen überschlägig reichliche 250 Jahre – wozu also die Aufregung, wenn wir eigentlich noch immer um die Themen von 1756 streiten?

In Wahrheit treibt uns das Thema anderer Ursachen wegen um. Diese liegen viel tiefer und beim Versuch, sie zu beschreiben, stieß ich auf eine Terminologie der Ausgabe, die ich Nr. 32 von GEOkompakt entnahm – eher ein Zufallsfund. Titel des Heftes ist: "Die Suche nach dem Ich", Untertitel: "Wer wir sind – und was wir wollen".
Vor einigen sehr klugen, hochinteressanten Artikeln zu den Themen Bewusstsein, Persönlichkeit, nota bene Siegmund Freud, dem Unbewussten und dem 'veränderten Ich' findet sich ein mit eindrucksvollen Fotos illustrierter Themen-Einstieg unter dem Titel: "Im Bann einer dunklen Kraft". Dort heißt es:
"Die Erkundung des Ichs ist immer auch eine Reise in die Abgründe der Psyche. Denn der größte Teil dessen, was unsere Persönlichkeit, unser Selbst, unsere Vergangenheit ausmacht, ist verborgen unter der Oberfläche des bewussten Wahrnehmens. Wünsche, Erlebnisse, Erlerntes, Erinnerungen – all das hinterlässt Spuren im Unbewussten und fügt sich zusammen zu dem, was uns ausmacht und zu einem unverwechselbaren Individuum mit einer eigenen Geschichte werden lässt."

Die Erkundung der Musik und unseres Verständnisses davon als Reise in die Abgründe der Seele; unsere tiefsten Wünsche, Erlebnisse und Erinnerungen fügen sich mit Erlerntem zu dem unverwechselbaren musikalischen Individuum, das wir ebenso verkörpern wie retten wollen, weil es uns zu entgleiten droht!?

Bei jedem der im Artikel folgenden 8 Stichworte im Kontext zu den Fotos stellen sich unwillkürlich Assoziationen ein, die auf unser Thema zu übertragen wären.

1. In einem rätselhaften Land

- Die Welt unserer Träume als Ausgangspunkt geheimster Reisen ins Unbewusste, ins Reich von Konflikten und Trieben

…sicher auch in das Reich von musikalischer Inspiration und Intuition

2. Das Haus der Ängste

- Die Furcht der Menschen davor, dass etwas aus den Fugen gerät und nichts mehr so sei wie früher. "Ängste entstehen in
evolutionär alten, unbewusst arbeitenden Hirnregionen." Sie sollen uns vor Gefahren warnen.

Das Musikbusiness scheint im Augenblick ein einziges Haus der Ängste zu sein. Von Annaberg/Aue über Baden-Baden, Bonn und Köln bis nach Radebeul, Riesa oder Wuppertal: Haustarifverträge, Fusionen, Kürzungen, Nullrunden… Der demografische Wandel (wahlweise die Finanzkrise) ist die Keule, mit der alle Argumente schnell beiseite gefegt werden.
Wie ernst sind eigentlich Überlegungen angestellt worden, durch Kultur, Kunst und Musik den demografischen Wandel positiv zu beeinflussen??


3. Im Reich der Wünsche

- nach S. Freud verrieten die Träume wahre Wünsche und Ziele, enthüllten Verstrickungen des Ichs zwischen triebhaften Bedürfnissen und moralischen Vorgaben; Stichwort 'Das Es und das Ich'

Viel wäre zu sagen über die triebhaften Bedürfnisse von Musikern und ihre moralischen Vorgaben: Anders gefragt: Sind die geheimen Wünsche nach Aufmerksamkeit, Reichtum, nach Beifall und Medienrummel eine Gefahr für die Moral der Musik und des Musikerberufes?
Noch konkreter: Verhält sich die Anzahl hochbezahlter Open-air-Konzerte und luxuriöser Festivals, von Künstlergagen und Charterfliegern umgekehrt proportional zum Wert dargebotener Musik?
Gefährden die Musiker selbst den Fortbestand ihres Berufsstandes?


4. Die Grenzen der Freiheit

- Gezeigt werden die fatalen Folgen, wenn technische Erfindung und exzessives Streben nach Fortschritt genutzt wird, der Welt einen Willen aufzuzwingen.

Was geschieht, wenn Künstler versuchen, uns ihren Willen aufzuzwingen? Wenn Leute wie Wagner oder Stockhausen uns nötigen, ganze Tage sich nur ihrer Kunst zu widmen? Schön oder gefährlich? Manipulativ oder Sinnlich? Fluch oder Segen für die Kunst?
Auch die Möglichkeiten und Grenzen neuer Technik inklusive ihrer Folgen (bspw. für das Urheberrecht) sollten hier ins Blickfeld kommen.


5. Vom Wesen der Geschlechter

- Was ist weiblich, was männlich? Selbstwertgefühl und Identität plus Zusammenspiel genetischer Faktoren und Hormone…

Ein weites Feld, gerade auf dem Gebiet der Musik, die sich anschickt, viel weiblicher zu werden: Schon sind fast weit über die Hälfte der Musikstudierenden Frauen, ganze Jugendorchester bestehen zu über zwei Dritteln aus Mädchen und Autoren wie Eckard Fuhr, Hans Ullrich Treichel oder Uwe Tellkamp registrieren in Freiburg, Berlin und Dresden die Mädchen mit den Geigenkästen…
Wird diese Entwicklung die Musik verändern? Stecken hinter den Ängsten um den Musikerberuf womöglich männliche Urängste vor dem aufziehenden Matriarchat auf den Brettern, die die Welt bedeuten?

6. Im Karussell der Gefühle

- Zuneigung, Liebe, Glück, Wohlbefinden, Abneigung, Wut, Trauer, Trostlosigkeit: "Die Emotionen entstanden im Laufe der Evolution: Sie halfen den Urmenschen im Kampf ums Überleben."

In Wahrheit lieben wir dieses Karussell mehr, als dass wir es fürchten – fürchten wir aber vielleicht die kongeniale Darstellung der Emotionen durch die und in der Musik? Verlustängste beim Hören von Wolfgang Rihm, Helmut Lachenmann, Mark Andre oder Rebecca Saunders? Wie viel Chaos, Verstummen, Ratlosigkeit oder Aggressivität darf zeitgenössische Musik in sich tragen?

7. Die Masken des Ichs

- Der Spiegel der 5 Temperamente, der "Big Five", die entscheiden, ob wir sind:

gesellig oder gehemmt - Extraversion
pflichtbewusst oder schlampig - Gewissenhaftigkeit
neugierig oder engstirnig - Offenheit
selbstsicher oder ängstlich - Neurotizismus
gutmütig oder aggressiv - Verträglichkeit

Und hier der grausame Befund: Die wahren Künstler neigen wohl eher zu den 'negativ' konnotierten Eigenschaften… (die anderen wandern in's Musikbusiness?)

8. Eine Frage des Körpers

- Die Frage der Akzeptanz des eigenen Körpers, der Wechselwirkung von physischer Erscheinung und Selbstbewusstsein; die Wahrnehmung des Unvollkommenen; der Körper als Erlebnisraum des von der Welt Abgegrenzten

Diese letzte Assoziation wirkt in zwei Richtungen: Sie weist den Weg einerseits in die Richtung der Erforschung des Körpers als Basis eines gesunden Musizierens; und sie lenkt den Blick auf den gesunden Körper Musik – wann empfinden wir eine Musik als 'unheil' oder depressiv?
Und noch weiter getrieben die Frage: Wie verhalten sich Schönheit, Oberflächlichkeit und Form und Inhalt zueinander?
Schütz' Cantiones sacrae, Bachs Goldberg-Variationen, Brahms' 3. Sinfonie oder Schönbergs Moses und Aron – musikalisch-physische Erscheinungen bar jeder Unvollkommenheit; ideale Körper eines künstlerischen Selbstbewusstseins, das uns den Angstschweiß auf die Stirn treibt, diese Vollkommenheit je wieder erreichen zu können?!


Um Vergebung, mit einem Referat über das Thema Musiker 3.0, Stichwort "Hochschule und Ausbildung" hat dies noch wenig zu tun – dennoch: Ich halte das Nachdenken über die Urgründe unseres Tuns für noch wichtiger als jenes über die Details der Formen.

Wenn wir nun zu diesen vordringen, kommen wir zur zweiten Frage, dem

2. Woher

Es müssen an dieser Stelle einige Zeitzeugen Erwähnung finden, die hier in Dresden für die Musikerausbildung der zurückliegenden 400 Jahre stehen – nur im bewussten Reflektieren ihrer Ansätze kann gefunden werden, was im 3. Jahrtausend fortgesetzt, neu bewertet oder vielleicht auch abgeschafft werden muss. Und sehr deutlich sei hinzugefügt: Die Qualität aller bisheriger Ausbildung war so eminent und brachte immer wieder so bedeutende Geister hervor, dass, sie auf den Prüfstand zu stellen ein erhebliches Wagnis und Risiko darstellt. Es kann eigentlich nur darum gehen, sie stets neu auf ihre Aktualität zu befragen.

Dresdner Musikausbildung beginnt – wie könnte es anders sein – mit dem ersten großen deutschen und auch einem der ersten bedeutenden europäischen Komponisten: Mit Heinrich Schütz. Martin Gregor-Dellin entwirft ein faszinierendes Bild dieses Lebens und schreibt ein eigenes Kapitel über den Lehrer und seine Lehre. Darin heißt es:

"Er vertrat die zwei Geiste der Zeit auf exemplarische Weise in seinem Bestreben, sie auf einen gemeinsamen formalen Nenner zu bringen, und wirkte daher regulierend und Neues ermöglichend weiter . … Die Lehre, die Schütz hinterließ, wurde gleichsam unterirdisch weitergegeben, durch mündliche Überlieferung, durch das Werk, die Praxis – und, wie sich herausstellen sollte, durch das erstaunliche Vorkommnis einer handschriftlichen Kompositions-Anleitung, die nicht einmal seinen Namen trug. Voraussetzung für die Wirksamkeit seiner Lehre war eine Kantoreikultur, deren Fundamente der Lehrmeister an vielen Stellen selbst gelegt hat."

Die Zahl Schütz'scher Schüler geht – die ihm anvertrauten Choristen mitgerechnet – in die Hunderte. Viele bedeutende Komponisten des Barock befinden sich darunter: Hering, Loewe, Theile, Drese, Förster, Hammerschmidt, Dedekind, Rosenmüller, Krieger und schließlich Christoph Bernhard, der Schütz' Kompositionslehre überlieferte. Neben dieser steht die Ausführung im Vordergrund, die Stimmbildung, der Vortrag, die Ausbildung eines dem Werk angemessenen Geschmacks, Triller, Verzierungen usw. Über die drei Stufen des schlichten, des affektbetonten und des ornamentalen Gesanges dringe Bernhard zu einer Affektenlehre vor, die bis zum jungen Mozart ihre Gültigkeit behalten hätte, schreibt Gregor-Dellin. Mit Bernhards Lehre sei der Nachweis einer Verbindung zwischen Schütz und Bach gelungen, das Musikalische Opfer und die Kunst der Fuge seien nichts weniger als die Erfüllung eines Schütz'schen Testaments, festgehalten in der Lehre seines Schülers. Gregor-Dellin resümiert:

"Seine systematische Figurenlehre vergleicht Christoph Bernhard wegen der Menge der Figuren mit der Rhetorik. Auch darin meldet sich noch einmal der wissenschaftliche Anspruch eines Musizierens, das sich seine grammatikalischen und syntaktischen Regeln vorher bewußt macht, bevor es zu 'sprechen' beginnt."

In meinem Grußwort zu Beginn der Tagung habe ich bewusst die Definition des Web 3.0 als Semantisches Web zitiert. Hier findet sich ein Anknüpfungspunkt aus viel älterer Zeit: Komposition, Musik und ihre Ausführung unter dem Blickwinkel systematischer Figurenlehre, grammatikalischer und syntaktischer Regeln und mit wissenschaftlichem Anspruch – ein möglicher Ansatz in krisenhaften Zeiten?

Der musikalische Revolutionär Weber beschreibt und lobt reichlich 140 Jahre nach Schütz' Tod das System des Prager Konservatoriums:

"…jeder Schüler muß den Unterricht durch sechs Jahre fortsetzen, von denen er drei in der ersten und drei in der zweiten Klasse zubringt. Die Direktoren halten ihre Sitzungen, so oft es die Umstände erheischen, und nehmen alle verhandelten Gegenstände zu Protokoll, welches nach aller Unterzeichnung versiegelt wird. Jedes Jahr .. ladet die Direktion alle in Prag anwesenden Mitglieder zu einer Hauptversammlung ein, um denselben über den Fortgang, die Verwaltung des Instituts und den Stand der Kasse Auskunft zu geben. Der Hauptlehrgegenstand des Instituts ist die Instrumentalmusik, da sein Zweck ist, tüchtige Musiker zu bilden, und es werden alle zu einem vollkommenen Orchester erforderlichen Instrumente, von eigens hierzu angestellten Lehrern, in abgesonderten Lehrzimmern, täglich durch zwei Stunden gelehrt."

Auch Gesang und Theorie wird angeboten und interessant ist der Verweis Webers, dass die Zöglinge auch "in den notwendigsten literarischen Gegenständen, als in der deutschen und italienischen Sprache, Mathematik, Geographie, Naturgeschichte, Geschichte, deutschen und italienischen Prosodie und Metrik, Ästhetik und Mythologie wie auch der Religionslehre" unterrichtet würden.

Interdisziplinarität anno 1817.

Noch einige Jahre später, 1849, verfasst Richard Wagner seinen "Entwurf zur Organisation eines deutschen National-Theaters" und schlägt dort sowohl eine Theater-, Chor als auch Orchesterschule vor.

"Um dieses schöne Institut von ersichtlichem Nutzen für die musikalische Kunst im gesammten Vaterlande werden zu lassen, ist zunächst der Anschluß einer Musikschule an dasselbe als nothwendig zu erachten. Bisher ist die Bildung von Musikern in Dresden nur dem Privatunterrichte und der Geneigtheit der einzelnen Künstler überlassen worden."

Es fällt auf, dass die Ausformulierung von Details mittlerweile sehr pragmatisch geworden ist:

"Die Ansprüche an den einzelnen Chorsänger sind allerdings, dem dramatischen Sänger und auch dem Mitgliede des Orchesters, von dem individuelle künstlerische Ausbildung ebenfalls gefordert wird, gegenübergehalten, geringerer Natur: für ihn genügt der Besitz einer Stimme untergeordneterer Gattung, ein unanstößiges Äußere und Fleiß."

Während bei Schütz und Bernhard die Ausbildung von Komponisten eine Einheit bildete mit der Ausbildung von Musikern und Weber die Musiktheorie bereits als Zusatzfach beschreibt, schlägt Wagner die Gründung eines Komponisten-Vereins vor und möchte insgesamt die Verantwortung beim Staat angesiedelt wissen:
"…es ist somit Sache des Staates, auch an diese Kunst jene Anforderung Kaiser Joseph's an die Schauspielkunst zu stellen: »sie solle auf die Veredelung des Geschmackes und der Sitten wirken«. Die Verantwortlichkeit für die Aufrechthaltung dieses Grundsatzes muß ebenfalls einer der Minister übernehmen, und er kann dieß wiederum nur, wenn er die volle freie Betheiligung der Nation in die Organisation auch dieses Institutes mit einschließt, so daß auch hierin der verständige, intelligentere Theil derselben jenen Grundsatz im eigenen Interesse selbst überwacht.

Ein Verein sämmtlicher Komponisten des Vaterlandes soll sich daher bilden, und nach eigenem Ermessen durch Aufnahme musikalischer Theoretiker, sowie selbst bloß praktisch ausübender Musiker sich verstärken können."

Wir sind noch nicht ganz beim Heute angekommen, indessen sind die Umrisse heutiger Hochschulen bei Weber, Wagner oder Mendelssohn, der die Struktur für Leipzig skizzierte, klar zu erkennen. Den persönlich so heißgeliebten Schumann, der gerade in Dresden Grundsteine für ein modernes Musikleben schuf (u.a. durch seine genialen Chorkompositionen, die er im selbst geleiteten Chor einstudierte und aufführte und solcherart regionale Wurzeln legte) überspringe ich. Wir können zur 3. Frage fortschreiten:

3. Wohin

Es scheint noch immer schwer zu sein, verlässliche Daten über Sinn und Zweck unserer Ausbildung zu gewinnen. Prof. Heiner Gembris und Daina Langner vom Institut für Begabungsforschung in der Musik (IBFM) der Universität Paderborn haben eine Studie veröffentlicht und beklagen darin auch verschiedene Umstände, die möglicherweise die Daten ungünstig beeinflusst haben könnten: Es wird vermutet, nur die selbstbewussten Studierenden könnten sich zurückgemeldet haben, ferner seien die Adressdateien der Hochschulen unzuverlässig, nicht nach Studienfächern geordnet, es habe Probleme mit dem Datenschutz gegeben usw. usf. Dennoch liegt folgendes Ergebnis vor, ich zitiere einen längeren Abschnitt:
"Es wurden insgesamt 418 Streicher, Bläser, Sänger und Pianisten befragt, die eine künstlerische Ausbildung absolviert haben. Ihr Berufsziel zu Beginn des Studiums war, Orchestermusiker oder Solist zu werden. Zum Befragungszeitpunkt waren die Musiker um die 30 Jahre alt. Der Frauenanteil beträgt 60% und entspricht damit auch der Verteilung an deutschen Musikhochschulen. Das Musikstudium beendeten sie im Durchschnitt mit 27 Jahren, fast alle mit „guten“ und „sehr guten“ Leistungen (Durchschnittsnote 1,6). Von den befragten Streichern (n = 160) gaben 42% an, eine feste Vollzeitstelle zu haben, davon 38% im Orchester. Bei den Bläsern (n = 108) haben 49% eine feste Vollzeitstelle, davon 42% im Orchester. … Etwas über ein Drittel (34%) aller befragten Streicher und etwas über ein Viertel (27%) aller Bläser arbeiteten freiberuflich bzw. kombinierten eine freiberufliche Tätigkeit mit einer befristeten Tätigkeit im Orchester. … Nur 2% der Streicher und 4% der Bläser waren zwar ausschließlich musikalisch tätig, finanzierten jedoch ihren Lebensunterhalt über Eltern, Ehepartner oder andere Quellen ( z.B. Agentur für Arbeit). Ein einziger Streicher verdiente seinen Lebensunterhalt als Solist. …
Von den befragten Sängern (n = 100) gaben 38% an, ein Vollzeit-Anstellungsverhältnis im Chor (26%) bzw. als Gesangssolist (12%) am Theater zu haben. Ein etwas größerer Teil von 42% war freiberuflich tätig, … Nur ein Sänger hatte eine unbefristete Teilzeitstelle (an einer Musikschule); 3% der Sänger arbeiteten zwar musikalisch, bezogen ihren Lebensunterhalt jedoch aus anderen Quellen (Eltern, Ehepartner u.a.).
Die größte Gruppe der zwangsläufig miterfassten Absolventen bildeten die Absolventen der Instrumentalpädagogik. Die meisten arbeiteten freiberuflich (48%) und gingen ausschließlich musikalischen Tätigkeiten nach. Unbefristete Vollzeitverträge an Musikschulen hatten 17%, unbefristete Teilzeitverträge 11% (ebenfalls an Musikschulen). Etwa ein Drittel (31%) der Stichprobe ging mehreren musikalischen Tätigkeiten nach. In den meisten Fällen unterrichteten sie, dazu kamen Muggen in Orchesterprojekten, kammermusikalische oder solistische Auftritte."

Mit Verlaub: so schlecht scheint es also gar nicht auszusehen. (Einzig die Zahlen der Pianisten sehen alarmierend aus. Im Bereich Lehramt und Jazz/Rock/Pop lagen zu wenig Rückmeldungen für belastbare Aussagen vor.)

Auch die HfM Dresden bereitet entsprechende Studien vor und ist bemüht, belastbare Daten zu erhalten. Unser Konzept von Evaluationen innerhalb der Hochschulinitiative Neue Bundesländer bildet gleichzeitig den Anfang der Errichtung eines internen und externen Systems des Qualitätsmanagements und sieht u.a. die Befragung von Experten, von Alumni und Studierenden vor. In weiteren Schritten sollen aber auch besonders die Lehrenden einbezogen werden, denn wir sind überzeugt, dass Qualitätsmanagement nicht nur in eine Richtung funktioniert, jener, bei der Studierende über ihre Profs und ihre Hochschulen urteilen. Professoren dürfen auch unzufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen, sogar mit den Studierenden oder mit der Verwirklichung ihrer Ideen sein – sie haben das Recht, dies innerhalb solcher Konzepte als Anstoß zu Verbesserungen dokumentiert zu sehen.

In der Gembris-Studie werden auch Defizite der Ausbildung benannt:

Orchesterstimmenkenntnis (auch von Opern),
Anpassung im Orchester,
Blattspiel, schnelles Erfassen des Notentextes,
Vorauslesen im Notentext, schnelle und effektive Erarbeitung von
Stücken,
Dirigiergestik/Dirigate lesen,
Fertigkeiten im
Ensemblespiel/Aufeinanderhören/Kammermusik,
musikalische Flexibilität und Routine in verschiedenen Genres.

Alle diese Probleme wurden auch an diesem Haus erkannt – sind aber bei weitem keine neuen Erkenntnisse – sh. oben die Klagen von Leopold Mozart.

Ein soeben neu verabschiedetes Leitbild unserer Hochschule, in dem u.a. das Bekenntnis zur Internationalität, zur Praxisorientierung, der Nachwuchsarbeit auf Exzellenzniveau im Landesgymnasium für Musik, zur Interdisziplinarität und zum Begreifen von Musikausbildung als künstlerischer, pädagogischer und wissenschaftlicher Tätigkeit mit höchster gesellschaftlicher Verantwortung abgelegt und beschrieben wird ist gerade verabschiedet und kann eingesehen werden. Aber statt vorgefertigter und wohlfeiler Konzepte möchte ich – anknüpfend an die etwas mythisch daherkommenden Urgründe zu Beginn des Vortrages – einige Begriffspaare und dazugehörige persönliche Fragen als Diskussionsanregungen geben, in deren Spannungsfeld sich unsere Auseinandersetzungen der nächsten Stunden, Monate und Jahre bewegen könnten:

Improvisation und Perfektion

- Könnte der Hang zu improvisierten Gesten und Unfertigen sich wieder mehr in die Richtung abgeschlossener Entwürfe von Kunst und Musik bewegen?

Emotion und Struktur

- Inwiefern könnte eine einseitige Fokussierung auf Emotionen zu einer gefährlichen 'Emotionalisierung von Strukturen' führen, die den Kern musikalischer Aussage betreffen und Musik damit verfälschen und überflüssig machen?

Individualität und Masse

- Was haben die gesellschaftlichen Prozesse mit den Themen Solo- bzw. Ensemblespiel vs. Orchester und Chor zu tun? Sind die Unzufriedenheiten mit dem Musizieren in größeren Gruppen (offenbar im Gegensatz zum beginnenden 19. Jahrhundert) Ergebnisse einer fortschreitenden Individualisierung?

Kanon und Erneuerung

- Inwiefern stehen Traditionen einer neuen Kreativität von Musik, Musikformaten und Musikausbildung im Wege? Nur ein Beispiel von unzähligen: Das entsetzliche 15-min.-Werk zeitgenössischer Musik zum Konzertbeginn…

Identität und Öffnung

- Mit dem vorigen Thema sehr verwandt, dennoch auch ein Stück spezieller: Der Widerspruch zwischen regionalen musikalischen Identitäten (Stichworte Wien, warum nicht auch Dresden, deutsche Orchesterkultur) und der Notwendigkeit oder Gefahr der Öffnung. Wo beginnt ein kultureller 'Relativismus', in der Kunst nötige Identitäten zu nivellieren?


Spezialisierung und Interdisziplinarität

- Was ist zukunftsweisender – die Konzentration auf wenige Themen oder die breite Aufstellung der Ausbildung? Die Preise gewinnen die Spezialisten, die größeren Berufsaussichten haben mglw. die Alleskönner…

Gewalt und Sensibilität

- Entweder Schrei oder Verstummen – wer beherrscht die Zwischentöne? Oder auch: Blut und Sperma vs. billige Sentimentalität. Wird Kunst ohne Extreme noch verstanden, wie müsste extreme Kunst heute definiert werden?

Starkult und Kunst

- Gefährden Erscheinungen wie Anna Netrebko, Lang-Lang oder Lady Gaga die Wahrhaftigkeit künstlerischen Tuns? (es ist hier eindeutig hinzuzufügen: ich zweifle nicht an der Wahrhaftigkeit ihrer Darbietungen. Die Frage ist aber, ob die mediale Präsentation der Kunst dient)

Oberfläche und Tiefe

- Verbunden mit dem Vorigen: Inwiefern ist der von uns produzierte und bediente 'ästhetische Apparat' (H. Lachenmann) einer flimmernden Medienwelt der Totengräber einer lebendigen, regional verwurzelten und solcherart gut gedüngt wachsenden Musikkultur?

Lassen Sie mich mit zwei Zitaten aus der Süddeutschen Zeitung vom 15./16. September schließen – entnommen zwei verschiedenen Artikeln. Im ersten über das Urheberrecht heißt es:

"Immer wieder gibt es ja Autoren, Musiker, Filmemacher, die mit wilder Intuition ins Blaue feuern und dann irgendwo hintreffen, wo das kollektive Unbewusste eines Landes – und vielleicht sogar der ganzen Welt – verrückt spielt."

Und rechts daneben eine Kritik über das Klavierspiel des 21-jährigen Pianisten Daniil Trifonov, der das Zeug hätte, das Erbe des großen Horowitz anzutreten, wie es heißt:

"Es gelten die alten Voraussetzungen: natürliches Talent, musikalisches Elternhaus, frühe professionelle Ausbildung auch unter widrigen Umständen, materieller Druck und psychischer Leidensdruck."

Von unerträglicher Ungewissheit, ob es klappt mit der Karriere, ob man gut genug ist, wird berichtet, und dann ein entscheidender Satz:

"Auch die Einsamkeit muss man aushalten."

Die neuen Dresdner Studentinnen und Studenten habe ich kürzlich mit dem Satz begrüßt: Sie sind verrückt, ein solches Studium zu beginnen. Aber bleiben Sie ruhig, denn bisher haben Sie dennoch alles richtig gemacht – denn Sie MÜSSEN verrückt sein.

Ohne das Müssen wird auch 3.0 keine Musikausbildung Sinn ergeben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.









E. Klemm
17.10.2012

Tagung Musiker 3.0 in Dresden I

An der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden fand eine interessante Tagung statt, die das Profil des künftigen Musikerberufes zum Thema hatte. Ein Grußwort dazu:


In einer Zeit großer Umbrüche, wirtschaftlicher, finanzieller und damit auch kultureller Krisen grüße ich Sie alle ganz herzlich und heiße Sie zu einer Tagung willkommen, deren Thema angesichts der Unwägbarkeiten gerade auf dem Gebiet der Musik und Musikausbildung beinahe trotzig wirkt.

"Musiker 3.0" heißt unser Motto und die veranstaltende Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden möchte damit nichts Geringeres, als über den Beruf des Musikers in den nächsten – sagen wir vorsichtig: – Jahrzehnten nachzudenken. Bereits an dieser Stelle allerdings ist eine Korrektur nötig. Ausweislich aller uns vorliegender statistischer Zahlen, über die der Rektor dieser Hochschule vor kurzem auf einer Tagung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum Professorinnenprogramm referieren durfte, wird der Beruf in Zukunft mehrheitlich von Damen ausgeübt. Wir hätten also besser "Musikerin 3.0" titeln sollen. Und natürlich bekennen wir uns gern zum etwas zeitgeistigen Drei Punkt Null, wo doch das Web noch immer bei 2.0 herumdümpelt. Tim O'Reilly beschrieb 2006 das Web 2.0 als eine Veränderung in der Geschäftswelt und als eine neue Bewegung in der Computerindustrie hin zum Internet als Plattform:
“Web 2.0 is the business revolution in the computer industry caused by the move to the Internet as a platform, and an attempt to understand the rules for success on that new platform.”
Wir sprechen also beim Web 2.0 von einer Geschäftsrevolution in der Computerindustrie, hervorgerufen durch die Verlagerung ins Internet als Plattform, und vom Versuch, die Regeln für den Erfolg auf dieser neuen Plattform zu verstehen.

Worin bestehen diese neuen Regeln? Meine geneigten Zuhörerinnen und Zuhörer mögen bitte verzeihen, wenn ich an dieser Stelle mich ganz 2.0-trendig auf die Plattform Wikipedia beziehe – beim Grußwort sei diese Form unwissenschaftlichen Zitierens gnädigerweise erlaubt:
"Die Benutzer erstellen, bearbeiten und verteilen Inhalte in quantitativ und qualitativ entscheidendem Maße selbst, unterstützt von interaktiven Anwendungen. … Die Inhalte werden nicht mehr nur zentralisiert von großen Medienunternehmen erstellt und über das Internet verbreitet, sondern auch von einer Vielzahl von Nutzern, die sich mit Hilfe sozialer Software zusätzlich untereinander vernetzen. Im Marketing wird versucht, vom Push-Prinzip (Stoßen: aktive Verteilung) zum Pull-Prinzip (Ziehen: aktive Sammlung) zu gelangen und Nutzer zu motivieren, Webseiten von sich aus mit zu gestalten."

Wir sehen, das Web hinkt erbarmungslos hinterher. Denn die internationale Vernetzung, das Sammeln und Motivieren sind seit jeher Tugenden des Musikgeschäfts – in Dresden seit fast 800 Jahren, seit über 460 hinsichtlich einer einzigartigen Orchesterkultur und spätestens seit knapp 400 Jahren, mit dem Engagement von Heinrich Schütz, einem der ersten wahrhaft europäischen Musiker, auf internationalem Niveau.

Doch Vorsicht: Denn natürlich wird längst auch vom Web 3.0 gesprochen. Hierbei handelt es sich – wenn ich es recht verstehe – eher um eine Vision als um eine schon vorhandene Realität: Das sogenannte 'Semantsiche Web':
"Die Daten in einem Semantischen Web sind strukturiert und in einer Form aufbereitet, welche es Computern ermöglicht, sie entsprechend ihrer inhaltlichen Bedeutung zu verarbeiten. Zudem erlaubt ein Semantisches Web Computern (bei Realisierung des Konzeptes), aus den vielen Informationen der weltweiten Daten Wissen herzuleiten und neues Wissen zu generieren. Ursprünge des Semantischen Web liegen auch im Forschungsgebiet der Künstlichen Intelligenz."

Ich erspare mir, genauere Parallelen zum Thema Musiker 3.0 zu ziehen. Es täte auch uns Musikerinnen und Musikern gut, wenn die von uns genutzte Semantik verstanden und ihre inhaltliche Bedeutung verarbeitet werden könnte – von wem auch immer: den Zuhörern, den Experten, den Entscheidungsträgern in Politik und Gesellschaft… Wir bekennen, dass wir es gern hätten, wenn unsere Tätigkeit neues Wissen und künstlerisches Tun generieren würde – was für eine wundervolle Vorstellung, Musik vor allem als Anregung zum musikalisch-schöpferischen Akt zu begreifen!

Die hierfür nötige Intelligenz – gleichviel ob künstlich oder vorerst noch ganz real und bodenständig – wollen wir auf dieser Tagung nach dem Pull-Prinzip beginnen zu sammeln! Und wenn wir uns auch nicht anmaßen, Leitlinien für den Musikerberuf des 3. Jahrtausends vorgeben zu wollen, so sind wir dennoch gewiss, dass wir am Beginn eines neuen Zeitalters stehen, das auch unseren wundervollen Beruf und seine Berufung wie Semantik nachhaltig verändern, wenn nicht revolutionieren wird.

Nein, meine Damen und Herren, die Revolution wird nicht in der Abschaffung oder Fusion von Orchestern, der Schließung von Musikschulen, der Kürzung finanzieller Mittel, der Ausweitung des Starkults und unterhaltsamer Open-Air-Konzerte liegen. Auch der Kulturinfarkt wird ausbleiben. Politikerinnen und Politiker sollten sich eher Gedanken machen, wie sie den unheimlichen Zustrom in das Reich der Musik demnächst bewältigen wollen.

Der Bildungsbericht 2012 hat sich ganz besonders dem Thema der musischen Erziehung und Bildung gewidmet und kommt zu folgendem Ergebnis:
"Das Vorlesen und Singen hat in Familien eine hohe Bedeutung: 68% der Eltern geben an, mit ihren Kindern mehrmals in der Woche zu singen, während 24% der Eltern mit ihren Kindern musizieren."
27% aller Kleinkinder nutzen Angebote frühkindlicher Musikerziehung. Das setzt sich nahtlos fort bei den musikalischen Aktivitäten der 9-13-jährigen (61%!!!), der 13-18-jährigen (51% - mehr als die Hälfte aller Jugendlichen im Teenie-Alter!) und der 18-25-jährigen (noch immer 40%). Ein Instrument spielen in den 3 Altersgruppen 44, 36 bzw. 25%, mit Singen beschäftigen sich 27, 19 und 17%. Der Wert aller musikalischen Aktivitäten der 16-25-jährigen liegt bei 42%, besonders hoch bei den Schülern mit 47%, aber auch die bereits Erwerbstätigen sind mit 36% mit im Boot, die Studierenden mit 42%.

Das sind erfreuliche Zahlen, die sich im Tun unserer Musikvereine niederschlagen:

In Deutschland existieren insgesamt z.Zt. 34.390 Orchester- oder Ensemblevereine. Im Bereich der Instrumentalmusik sind damit 814.400 Laien organisiert, mit 445.800 sind 55% davon Kinder und Jugendliche. In den 59.080 Chören singen 1.455.300 aktive Sängerinnen und Sänger. In den 27.390 Musikschulen sind 1.006.600 zu Unterrichtende eingetragen, hinzu kommen nochmals geschätzte 415.000 privat unterrichtete Musikbegeisterte. In überschlägig 50.000 Rock/Pop/Jazz oder Folklore-Gruppen beschäftigen sich eine halbe Million Leute mit Musik. Insgesamt sind damit in Deutschland 5.114.500 Menschen aktiv mit Singen, Musizieren und Musikunterricht beschäftigt, das sind rund 16% der momentan knapp 82 Mill. Einwohner.

Noch Fragen?

Zeit zum Aufbruch! Zeit zum Errichten von Konzertsälen, Musikschulen, zur Gründung von Theatern und Orchestern, der Etablierung von Jazzfesten, Bigbands und kreativer Rockmusik. Es geschieht übrigens gerade weltweit, in Russland, Südkorea, Japan, China, den USA, sogar im armen Afrika.

Unsere Tagung wurde ermöglicht durch den Gewinn eines Hauptpreises innerhalb der Hochschulinitiative Neue Bundesländer durch die HfM Dresden. "Karrierewege – kennen, eröffnen, kommunizieren" war dort das Thema, unsere Hochschule hat sich an dem Wettbewerb mit einem ambitionierten Konzept beteiligt. Ich danke Frau Prof. Elisabeth Holmer, Ulrike Richter, den Mitarbeiterinnen des mcs sowie den beratenden Professoren Gies und Lessing ganz herzlich für alle im Voraus geleistete Arbeit. Ich danke Lars Petzoldt und Judith Schinker, die das Begonnene festgezurrt und weitergeführt haben und ich danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses, angeführt von den unermüdlichen Damen Dr. K. Bauer und Ines Seidel bis hin zu den technischen Mitarbeitern ganz herzlich für alle organisatorische und logistische Unterstützung. Der Dank geht aber insbesondere auch an alle Mitwirkenden, Referenten, Diskutanten, Moderatoren und selbstverständlich an alle interessierten Gäste!

"Sie wollen sich der Kunst weihen. Es ist meine Pflicht, Sie auf die unendlichen Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, die Sie dann zu überwinden haben."

Unsere Pflicht ist, die Schwierigkeiten, die Carl Maria von Weber benannte, zu überwinden!
Ich danke Ihnen!
logo

Weblog des Dirigenten Ekkehard Klemm, Dresden

Ansichten, Einsichten, Rücksichten, Aussichten

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Archiv

April 2025
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 

Aktuelle Beiträge

Uraufführungen seit 1998,...
Aus Anlass der morgigen (heutigen...) Uraufführung...
klemmdirigiert - 2016-10-01 00:30
Einojuhani Rautavaara...
Aus Anlass der Premiere der Oper DAS SONNENHAUS schickte...
klemmdirigiert - 2016-08-25 01:05
Einojunahni Rautavaara...
Programmhefttext für die deutsche Erstaufführung 1994...
klemmdirigiert - 2016-08-25 01:01
Einojuhani Rautavaara...
(Foto: Sini Rautavaara - bei meinem Besuch in Helsinki...
klemmdirigiert - 2016-08-25 00:54
...wuchernder Kanon mit...
Eine Einführung zum "Ricercar a 5,9", Uraufführung...
klemmdirigiert - 2016-08-24 23:34

Musikliste

Suche

 

Status

Online seit 7050 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2016-10-01 00:30

Mein Lesestoff