18
Mrz
2012

Rede zur Verleihung der Ehrensenatorwürde an Prof. Dr. Hans John

Verehrter, lieber Herr Prof. Dr. Hans John,

liebe Kolleginnen und Kollegen, Studentinnen und Studenten,
sehr geehrte Festgesellschaft!

"Die Hälfte?" – unter diesem Titel erschien in dieser Woche in Deutschlands Nachrichtenmagazin, das von sich behauptet, wer es lese, wisse mehr als alle anderen, ein denkwürdiger Artikel. Vier Herren (ist es Zufall, dass keine Dame dabei ist?) veröffentlichen demnächst ein Buch unter dem Titel "Der Kulturinfarkt". Der Artikel im Spiegel dieser Woche lässt Böses erahnen und wir müssen vielleicht dankbar sein, dass die Redaktion hinter die provozierenden zwei Worte der Überschrift wenigstens noch ein Fragezeichen gesetzt hat.
Worum geht es? Kurz und knapp um die folgende Frage: "Was wäre, wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände, einige Archive zusammengelegt und Konzertbühnen privatisiert würden? 3200 statt 6300 Museen in Deutschland, 70 staatliche und städtische Bühnen statt 140, 4000 Bibliotheken statt 8200 – wäre das die Apokalypse?"

Zugegeben, eine provokante Frage, die nicht wenig an Sprengkraft verliert, wenn die Autoren danach milde und mildernd vorschlagen, das Geld solle in die freie Szene, die Laienkultur und sogar – man höre und staune – in die Kunsthochschulen und die kulturelle Bildung fließen. Dagegen kann niemand etwas haben. Medienwirksam und suggestiv wird der Artikel auf der ersten Doppelseite von 28 bunten Innenaufnahmen deutscher Theater illustriert, Unterschrift: "Und was, wenn es sie wirklich nicht mehr gäbe?"

Tja, was eigentlich?

Der Skandal des Artikels liegt in der Tatsache, dass ein scheinbares Wachstum beschrieben wird, wo in Wahrheit längst die Kräfte der Erosion wuchern. Von angeblicher Besitzstandwahrung ist dabei immer wieder die Rede, von Privilegien und den schädlichen Subventionen natürlich, die nur Mitnahmeeffekte erzeugen, ohne Kreativität auszulösen. Ich frage mich, welche Besitzstände die Autoren meinen? Welche Privilegien? Das Privileg, im blühenden Alter von 40 – 45 als Sänger auf die Straße zu fliegen, nachdem man 14 Jahre Publikumsliebling eines erfolgreichen Theaters war? Oder meinen die Autoren den Besitzstand von Orchestermusikern, die seit Jahren im Haustarif 70% nach TVK D bezahlt werden? Oder auf viel Geld verzichten, um endlich ein anständiges Haus gebaut zu bekommen? Meinen sie vielleicht das Gehalt der lyrischen Sopranistin eines Staatstheaters, das in etwa 60% des Gehalts eines Meisters in BY oder BW ausmacht?

Die Bundeszentrale für politische Bildung meldet folgendes:
"Unter Berücksichtigung des Preisniveaus zeigt sich, dass die öffentlichen Kulturausgaben je Einwohner real zurückgegangen sind. Nach Angaben des Kulturfinanzberichts 2008 lagen die Ausgaben je Einwohner im Jahr 2005 um 0,6 Prozent unter dem Niveau von 1995 und um 8,1 Prozent unter dem Niveau von 2000."

Und der Kulturfinanzbericht 2010 stellt fest:

Die Öffentlichen Ausgaben für Kultur 1995 bis 2010 im Bund insgesamt lagen bei
1995 7,4 - 2000 8,2 - 2005 8,0 und 2010 9,6 Milld. €

Das klingt sehr viel, entspricht jedoch lediglich einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von
1995 0,4 - 2000 0,4 - 2005 0,36 und 2010 0,38 %.

Nebenbei bemerkt: Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im Zeitraum 1970 bis 2010 von ca. 250 Milld. $ auf ca. 3,3 Bill. $...

Gemessen an dem, was wir haben, sind die Ausgaben für die Kultur also eher gesunken, stellen wir ernüchtert fest. Wir tun den Autoren auch nicht den Gefallen, hysterisch aufzuschreien und "Apokalypse" zu rufen. Nein, beim Kampf um den Arbeitsplatz sollten der Künstler und die Künstlerin tatsächlich dem Publikum den Vortritt lassen. Dennoch sei den Schreibern wenigstens an einigen Stellen unser Zweifel zugerufen. "Der Glaube an die Gestaltungskraft der Kultur, an ihr Zusammenhalt und Frieden stiftendes Wesen ist inzwischen erlahmt", wird behauptet. Weiter: "Der staatlich finanzierte Kulturbetrieb ist ein Patient, der sich nicht für das interessiert, was jenseits seines Krankenzimmers geschieht, wie sollte er auch, dazu ist er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt." Und schließlich: "Die kulturelle Flutung Deutschlands wurde stets vom Angebot, nicht von der Nachfrage her gedacht." 'Ah ja', mögen wir im Geiste des wundervollen Loriot denken und im Stillen etwas ernsthafter fragen, ob wir tatsächlich im gleichen Land leben, von dem die Rede ist – 'die kulturelle Flutung': als ob es sich um eine dreckige, schädliche Überschwemmung handelte und nicht vielleicht um die Ursache, warum wir über einen so sagenhaften billionenfachen Reichtum verfügen und sogar Finanzkrisen noch immer recht anständig bewältigen. Und als ob die bedeutendsten Kunstwerke der Menschheit vor allem nachfrageorientiert entstanden wären…

Das Schöne an Zeitschriften und solchen Artikeln ist, dass sie oft die Auflösung der aufgezeigten Konflikte gleich mitliefern – natürlich bezogen auf ein eigentlich anderes Thema, dennoch passend ein paar Seiten vorher, und das Zwischen-den-Zeilen-und-Seiten-Lesen beherrschen wir ja aus anderen Zeiten noch recht gut. Unter dem Titel "Selbstheilende Herzen" vermeldet die zusammenfassende Überschrift: "Im Kampf gegen den Infarkt rettet die Hochleistungsmedizin viele Menschenleben, doch Heilung bringt sie nicht. Nun beschreiten Ärzte neue Wege in der Herztherapie: Sie setzen auf körpereigene Bypässe – und die Mithilfe der Patienten."
Was das nun mit Hans John zu tun hat? Vorderhand nichts. Hinterhand: sehr viel.

Es fiel mir zunächst schwer, geeignete Worte der Begrüßung zu finden zu diesem Festakt. Schwer, weil es viel zu leicht wäre, Worte des Ruhmes für den zu Ehrenden zu formulieren. Klar und deutlich liegen seine Verdienste vor uns ausgebreitet: Sein Wirken für Dresden und seine Musikgeschichte, sein Engagement innerhalb der Musikhochschule, an der er zahllose Jahrgänge von Musikerinnen und Musikern in Musikgeschichte unterrichtet, selbst das Institut für Musikgeschichte mitbegründet, geleitet und das Promotionsrecht erstritten hat. Meine Nachredner werden zu diesen Leistungen und zur Biografie unseres künftigen Ehrensenators sicher noch einige Details beisteuern. Hans John war nie ein Mann hohler Worte – erst recht sollten aus Anlass der heutigen Ehrung keine solchen fallen. Dagegen war er stets ein wahrhaftiger und aufrechter Verfechter der Sache der Musik und Kultur, weshalb wir auch Artikeln wie dem oben zitierten so lange noch einigermaßen gefasst begegnen können, solange es engagierte Streiter vom Format Hans Johns gibt. Menschen, Künstler und Wissenschaftler, die nicht nachfrageorientiert wirken, sondern uns Menschen ein Werk und Schaffen vorlegen, das wir annehmen oder auch verwerfen können, das aber in jedem Fall in unser kollektives Gedächtnis einsickern wird und dort verweilt, um seiner Entfaltung zu harren.

Ein Komponist, mit dem Hans John sich neben Wagner, Weber und vielen anderen ganz besonders viel beschäftigt hat, ist Robert Schumann. Den Riss, den Heinrich Heine durch die Welt gehen sah, meinte Schumann durch Poesie und Musik heilen zu können. Damit sind wir wieder beim Infarkt. Wie Schumann ist Hans John ein Mensch, der glaubt, Infarkte durch selbstheilende Herzen therapieren zu können. Durch das Vertrauen auf die körpereigenen Bypässe und die Mithilfe der Patienten.

Wir können ihm attestieren: Verehrter Hans – als ehemaliger Kruzianer darf ich mir diese vertraute Anrede erlauben – Deine Therapie hat an dieser Hochschule, in Dresden, Sachsen und weit darüber hinaus vielfach gewirkt. Deine ungebremste Vitalität bis zum heutigen Tag, Dein überzeugender Ton – und damit meine ich viel weniger den profunden Bass als vor allem den Inhalt Deiner Reden, Vorlesungen und Texte – Dein Engagement in Akademien, Vereinen, Deine Vorträge, Schriften und Bücher haben Spuren hinterlassen, in denen die nachfolgenden Generationen von Studierenden, Lehrenden, von Wissenschaftlern und Künstlern sicher Tritt fassen und gehen konnten. Dies aus Anlass des nun schon wieder etwas zurückliegenden 75. Geburtstages zu würdigen war unser Anliegen und tiefes Bedürfnis.

Doppelt hält besser, mögen die Eltern unseres Jubilars gedacht haben und stellten dem ohnehin vom Johannes herkommenden Familiennamen gleich noch den Johannes als Vornamen voran: „Gott hat Gnade erwiesen“, bedeutet das, und auch Teil zwei meiner Namensrecherche ist wenig hinzuzufügen: der Name könne als Ausdruck einer als Geschenk aufgefassten Geburt verstanden werden.
Lieber Hans John – Danke, dass wir von diesem Geschenk hier an dieser Hochschule so lang und ausdauernd profitieren konnten und immer noch können, herzliche Glückwünsche zur heutigen Ehrung, alles Gute für alle Pläne, die vor Dir liegen, Gesundheit, Vitalität und natürlich einen nimmermüden Bass, der in Dresden nun schon ein Orgelpunkt geworden ist: eine profunde Stimme, die durch Rede und Tat die Infarkte der Kultur mit körpereigenen Bypässen versieht und damit selbstheilende Herzen schafft.

Die Hälfte? Nein, im Sinne HANS JOHNS – das Doppelte!

18
Sep
2011

Rhythmik 100 Hellerau

Hellerau1

Zur Eröffnung der 11. Rhythmikwerkstatt in Hellerau, die aus Anlass des 100. Jubiläums dieses besonderen Ortes und seiner Gründungsidee u.a. durch Emile Jaques-Dalcroze stattfand, konnte ich das Publikum aus aller Welt begrüßen. Zwei Uraufführungen von Dieter Schnebel und dem mittlerweile Dresdner Kompositionsprofessor Manos Tsangaris folgten am Donnerstag Nachmittag:

Sehr geehrte Frau Martine Jaques-Dalcroze,
verehrte, liebe Gäste,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

es liegt mir nichts ferner, als mit einem der gefürchteten Grußworte diese Veranstaltung zu beschweren – Grußworte, auf deren Ende die geneigte Zuhörerschaft in der Regel sehnlichst wartet.

Nein, als Dirigent war es mir ein Anliegen, bei dieser Gelegenheit nochmal grundsätzlich zu klären – Rhythmus: was ist das?
Viele von Ihnen kennen ja sicher die berühmte Orchesterprobe von Karl Valentin und Lisl Karlstadt; dort gibt es den Moment, wo der „Herr Kapellmeister“ einen Marsch auflegt und verlangt:

„Man muss halt einen gewissen Ding hineinbringen, einen… - na wie heißt er denn gleich…“
„Ich weiß nicht, wem Sie meinen?“
„Einen … einen Rhythmus!“
„Wie heißt der?“
„Rhythmus! Aber der fehlt Euch ja!“
„Der fehlt auch? Den kenn ich gar net. Sein Bruder‘n, glaub ich, kenn ich.“
„So ist’s recht, der kennt an Rhythmus sein Bruder’n. Ja wie schaut’n der denn aus?“
„Ja, so a kleiner langer mit a‘m dunkelweißen Bart.“
„Der Rhythmus!?“
„Nein – Reißberger heißt der, den wo ich mein‘. Jetzt fallt’s mir ein.“
„Nicht einmal die einfachsten musikalischen Ausdrücke wissen Sie!“

In diese Art von Verzweiflung müssen wir keinesfalls einstimmen, meinte ich! Es gibt ja das segensreiche Internet, was mich nochmals grundständig über den Rhythmus aufklären kann.

Das Ergebnis ist einigermaßen ernüchternd. Das weltumspannende, sonst ebenso allwissende wie geschwätzige, gleichwohl oft auch detailliert berichtende Wikipedia schweigt bei dem Wort Rhythmus zwar nicht vollständig, hält sich aber sehr vornehm zurück. Es berichtet uns zunächst nicht viel mehr als das Folgende:

"Rhythmus (von altgriech.: ῥυθμός rhythmós, mit latinisierender Endung -us, die indogerman.: Etymologie ist unklar) steht für:
Rhythmus (Musik), die durch die Folge unterschiedlicher Notenwerte entstehenden Akzentmuster über dem Grundpuls"

„Ah ja“, können wir da mit dem großen Loriot sagen, vor dem wir uns mit der Zeitschrift SPIEGEL vom Montag in der Hand verneigen – er war übrigens ein begnadeter Rhythmiker. Mal abgesehen vom ‚Timing‘ seiner Sketche: seine ganze Operninszenierung MARTHA, die ich mit ihm 8 Wochen lang im disziplinierten Rhythmus von 4 Stunden morgens und 3 Stunden abends erarbeiten und am Ende mit einem präzis schaukelnden Chor und gleichmäßig auf dem berühmten Sofa hüpfenden und Koloraturen trällernden Sängerinnen zur Premiere bringen durfte, war ein Fest des Rhythmischen. Das hätte sicher auch Emile Jaques-Dalcroze zu Tränen gerührt.

Zurück zur kleinen Recherche: wenn wir weiter unter dem Stichwort „Rhythmus (Musik)“ googeln, erhalten wir immerhin folgenden Text:

„Die Definition des Rhythmus als Dauernfolge stammt von Aristoxenos, der als erster eine Theorie des Rhythmus schrieb. Er beschränkte die Dauer nicht auf die Tondauer, sondern bezog auch die Sprachebene im Gesang und die Körperbewegung im Tanz mit ein, die in der Musik oft vereinigt sind.“

Aristoxenos also – das war immerhin zwischen 360 und 300 vor unserer Zeit und würde auch erklären, warum eine der umfänglichsten und besten rhythmischen Darstellungen in Igor Markevitchs Kommentar zur Eroica von Beethoven zu finden ist. Sie stellt minutiös alle griechischen Grundmuster von Anapäst und Antispast über Choriambus bis zu den einfachen und hinkenden Iamben und Trochäen zusammen – da kann Wikipedia nicht mithalten. Sorry.

„Im Anfang war der Rhythmus“ – das sagte auch mein verehrter Dirigierlehrer und damalige GMD der Dresdner Staatsoper Siegfried Kurz und sicher hatte er Recht. Die Konsequenz dieser Überzeugung bekamen gelegentlich Sängerinnen oder Sänger zu spüren, wenn sie in der Pause ins Zimmer des ‚Generals‘ zitiert oder – im Falle bspw. tschechischer Nationalität – gefragt wurden, ob denn hinter „Herrnsgrätschen“ (gemeint ist das kleine tschechische Grenzdorf Hřensko kurz hinter Bad Schandau) der Rhythmus aufhöre…
Nein – dort fängt er eigentlich erst an, möchten wir, an Smetana, Dvořák oder Janáček denkend, rufen und weiter süd-westlich nach Genf blicken, von wo vor 100 Jahren der Rhythmus nach Dresden kam – oder besser: die Rhythmik.

Hier schweigt das Online-Lexikon übrigens noch viel beharrlicher und lässt sich zunächst gar nicht in die Karten schauen:

"Das Wort Rhythmik besitzt aus musikwissenschaftlicher und musikpädagogischer Sicht zwei Bedeutungen:
• die musikwissenschaftliche Lehre vom Rhythmus, siehe Rhythmus (Musik)
• Kurzbezeichnung für Rhythmisch-musikalische Erziehung oder Rhythmische Erziehung"

Beim Stichwort „Rhythmische Erziehung“ werden wir allerdings fündig und bekommen eine genauere Beschreibung dessen, worum es den Gründern ging:

"Im 'Raum' wird der Sinn für die 'plastische Bewegung' entwickelt, durch die Regelung der Zeit erhebt sich der Sinn für den musikalischen 'Rhythmus'. Musik war für Jaques-Dalcroze deshalb unentbehrlich, weil sie einerseits eine wirklich genaue Einteilung der Zeit ermöglichen und andererseits unmittelbar in das menschliche Nervenzentrum eindringen kann, um Befehle ebenfalls unmittelbar durch und für den eigenen, sich bewegenden, Körper auszuführen."

Aufgetaucht aus dieser kleinen Tiefenbohrung in die Ideen von 1911 stellen wir erleichtert fest – nach 100 Jahren Rhythmus und Rhythmik in Dresden sind sogar die Bauarbeiten in Hellerau deutlich vorangekommen (waren sie eigentlich jemals abgeschlossen…?) Und statt mit Glucks Orpheus alte Töne anzuschlagen, haben sich Dieter Schnebel und Manos Tsangaris ganz neue Rhythmen, Töne, Bewegungen, auch Stille und überhaupt Ideen ausgedacht; Annette Jahns, Christian Kesten, Lennart Dohms und das im doppelten Wortsinne ausgezeichnete Ensemble El perro andaluz bilden dazu ganz sicher eine rhythmische Basis, bei der wir nicht nach „dem Rhythmus sei’n Bruder’n“ fragen müssen.

Wenn wir denn die Brüder und Schwestern noch bedenken, die der internationalen Dresdner Werkstatt zur Seite stehen und standen, so darf ich an dieser Stelle allen Mitstreitern, Veranstaltungspartnern, Sponsoren, allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern von „Rhythmik 100 Hellerau“ ganz herzlich danken! Danke, dass Sie aus der ganzen Welt hierhergekommen sind, aus Europa, Amerika und Asien … Dank an Dieter Jaenicke und sein Team hier im Haus, Dank an die vorbereitenden und mitwirkenden Mistreiter der Musikhochschule, stellvertretend und neben den bereits Genannten Wolfgang Lessing und Stefan Gies, mein Vorgänger im Amt des Rektors!

Ganz besonderer Dank aber geht an Christine Straumer, die auch in weniger inspirierter Zeit die Fahne der Rhythmik, der elementaren Musikpädagogik und musikalischen Früherziehung in Dresden hochgehalten und weitergetragen hat.

Herzlich willkommen Ihnen allen, willkommen im Dresdner „Vivarium“ – vielleicht finden Sie den „Rhythmus sei’n Bruder’n“ ja beim Kochen, beim Reisen oder im Zoo, bei „Sprechende Körper. Körper-Sprache“ oder am Sonntag bei „Ein Stern für jedes Kind“. Ganz sicher werden Sie einen gemeinsamen und Ihren eigenen Rhythmus finden! Auch und ganz gewiss nach 100 Jahren und zur 11. Rhythmikwerkstatt hier in Hellerau.

Lassen Sie sich überraschen!

Akademie für Experimentelles Musiktheater

Werkstatt-Hellerau-2011

Vergangene Woche fand in Hellerau die III. Akademie für experimentelles Musiktheater statt, die aus einer einjährigen Arbeit einer Gruppe von jungen Leuten bestand, die sich mehrmals für längere Zeit trafen und ein gemeinsames Projekt entwickelt haben. Dieses wurde am Wochenende vorgestellt, die Tage danach waren Diskussion, 'Aufarbeitung', Neustart für ein neues Projekt und theoretische Reflexion. Mit folgendem Grußwort war ich beteiligt:

Willkommen zur III. Hellerauer Akademie des Experimentellen Musiktheaters!

An diesem Satz ist – außer dem Willkommensgruß und der Zahl 3 einiges unklar, er bietet wenig Sicherheiten. Die Ortsbestimmung HELLERAU mag korrekt sein, wenngleich eine „Akademie“ ja eigentlich beim Hain des griechischen Helden Akademos stattfinden sollte und hergeleitet wird vom Ort der Philosophenschule des Platon… Gut, das lassen wir durchgehen. Etwas irritierender wird die Sache, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass eine „Akademie“ heutzutage nicht unbedingt als Ausbildungsstätte mit einer bestimmten Zielrichtung arbeitet, sondern vor allem um ihrer selbst willen. Sollte das in unserem Falle tatsächlich so sein?

Auch das Wort Experiment bietet Fallstricke – es wird von ‚experimentum‘ hergeleitet und bedeutet gemeinhin „Versuch, Beweis, Prüfung, Probe“, es bedarf in der Wissenschaft dazu einer Versuchsanordnung, erst dann können daraus Kausalzusammenhänge im Sinne von Ursache – Wirkung gezogen und Hypothesen oder Modelle bestätigt oder zur Theorie verfestigt werden. Interessant ist der Hinweis, den ich in einem Lexikon las, Experimente seien unter ethischen Gesichtspunkten oft nicht zulässig und im Übrigen oft aus Kostengründen nicht durchführbar.
Immerhin – das aktuelle Hellerauer Experiment scheint in dieser Frage keine Probleme gehabt zu haben, wozu den Organisatoren nur zu gratulieren ist!

Was aber, so ist zu fragen, ist Musiktheater? Und was „Experimentelles Musiktheater“? Die Untiefen lauern überall.

Im hochgelobten Roman des Schauspielers Josef Bierbichler, so steht es im SPIEGEL der letzten Woche, sagt ein drangsalierter 17-jähriger, dessen „grüblerische Gedanken“ ihm die Seele aufgerissen und im Kopf sich quergestellt hätten den Satz: „Ich bin errettend vereinnahmt vom Theaterspiel, das mich sanft macht, wenn ich oft auf unerklärliche Art erregt und aufgebracht und aggressiv bin. Das Spiel mit der Sprache und mit den Figuren schützt mich davor zu morden.“

Ist Musiktheater für uns noch derart existenziell? Oder experimentieren wir, damit es wieder existenziell wird?

In den Jahren 1974/75 schreibt Dieter Schnebel einen Aufsatz unter dem Titel: „Gestoppte Gärung“. Darin stellt er ernüchtert fest: „Ein Essai über die Formen der heutigen Musik ließe sich kaum mehr mit dem Hinweis auf die gärende Materie schließen – da gärt nicht mehr viel. Nicht als ob die musikalische Materie nun durchgegoren wäre. Eher verhält es sich so ähnlich wie heute vielerorts mit den Weinen: die Gärung wurde gestoppt, und das Ereignis ist jene süße Brühe, deren Fusel einem den Kopf vernebeln.“ Geradezu prophetisch muten die Begründungen an, die Schnebel für die Kraftlosigkeit der Neuen Musik ausfindig macht. Er diagnostiziert Barrieren einer Gesellschaft, „deren Ökonomie immer mehr aus dem Gleichgewicht gerät, und die sich darum zunehmend verhärtet. Wo aber der Druck der Verhältnisse zunimmt, wächst einerseits das Bedürfnis nach Harmonie und nach der Ruhe der Innerlichkeit, andererseits nach einem Sich-Einrichten im Gefahrlosen; im unbezweifelbar Anerkannten.“

Wenig später – in geschichtlichen Dimensionen gerechnet – nämlich 1987 unterhalten sich Ruth Berghaus und Heiner Müller über das Theater, speziell das Musiktheater, die Dramaturgin Sigrid Neef vermittelt und moderiert. Müller: „Die erste Gestalt der Hoffnung ist die Furcht, die erste Erscheinung des Neuen der Schrecken. … Eine Idealform für mich wäre: Ohne Hoffnung und Verzweiflung leben.“ Über die Berghaus wird gesagt, sie ahnde jegliche Sentimentalität, weil diese Hoffnung und Verzweiflung verhindert.
Das erinnert an die Unbedingtheit des Knaben aus Bierbichlers Roman.

Vor 100 Jahren begann hier in Hellerau mit Jaques-Dalcroze ein Aufbruch zu neuen, damals sicher wirklich experimentellen Formen der Durchdringung von Raum und Zeit, Musik und Bewegung, Körperbewegung und musikalischen Rhythmus. 1987 formuliert Heiner Müller: „Theater findet ja überhaupt nur statt im Schnittpunkt zwischen Zeit und Raum. … Theater ist etwas zwischen Angst und Geometrie.“

Und dann findet sich der Satz, von dem man sich wundert, dass die Zensoren ihn haben durchgehen lassen (das Buch erschien noch vor der Wende 1989): „Der Staat reduziert aus Existenzgründen automatisch jede Utopie. Der Staat ist keine moralische und keine vernünftige, er ist eine beschränkende Kategorie und insofern eine beschränkende im Sinne einer niederen Vernunft.“

Erstaunliche Erkenntnisse! Höchst subversiv und utopisch in dem, was sie eigentlich als Konsequenzen meinten und einschlossen.
Das Gespräch wandert dann zu einem in der Tat für seine Zeit recht avanciertem Musiktheaterwerk, zu Schönbergs Moses und Aron mit dem Thema der, wie es die Berghaus formuliert: „Abwesenheit von Erfahrbarem“. Da entfahren Müller die folgenden wunderbaren Sätze: „Moses, Marx, Freud, Einstein – das sind vier Pioniere der Abwesenheit. Moses – die Abwesenheit Gottes durch das Bilderverbot, Marx – die Abwesenheit eines gesellschaftlichen Endzustandes durch die Utopie des Kommunismus, Freud – die Abwesenheit des Wesentlichen, des Unbewussten, des Verdrängten und Einstein – die Relativitätstheorie, die Abwesenheit der eigentlichen Raum-Zeit-Relation. Das sind vier Formulierungen des Bilderverbots.“ Das Unvollendete der Oper hänge genau damit zusammen, meint Müller, sie hätte ansonsten einen Rahmen bekommen, wäre selbst Bild geworden und hätte das Prozesshafte ‚beerdigt‘.
„Kunst“, schreibt er, „hat nie mit dem zu tun, was man hat, sondern zweifelt an, was man hat, und will etwas anderes.“ In diesem utopischen Moment liege das Risiko.

In den Auseinandersetzungen dieser Zeit, der 70-er und 80-er Jahre, ist viel von den Gegensatzpaaren Autorität und Freiheit, Herrschaft und Emanzipation die Rede. Die Dodekaphonie wird als ‚Demokratiemodell‘ der Töne gedeutet, die sich der Hierarchie der Tonalität widersetzen bzw. entziehen und herrschaftsfrei als Material genutzt werden können. Norbert Nagler überschreibt ein wichtiges Kapitel seines Essays „Musikphilosophie der Freiheit“ (ein Text über die Musikphilosophie der Freiheit bei Dieter Schnebel) mit den Worten: „Die musikalische Utopie als Fluchtpunkt des Nichtidentischen“.
Das Nichtidentische, nicht Nachkonstruierte, bei Lachenmann die bewusste Auseinandersetzung mit dem ‚ästhetischen Apparat‘ sind entscheidende Kriterien, nach denen die damalige Avantgarde Musik, Musiktheater und Kunst beurteilt. Wobei der Widersprüche viele und die Grenzen fließend sind. Die Berghaus inszeniert Henze, Lachenmann ist mit Nono befreundet, während die Theoretiker um Metzger und Riehn, Nagler und andere Henze und Nono mit dem Verdikt „sozialistische neue Musik“ belegen, die auf „anachronistische Kompositionsmodelle“ zurückgreife. Nonos Freund Abbado arbeitet mit der Berghaus in Wien zusammen, Gielen holt sie nach Frankfurt – wie gesagt, die Grenzen sind fließend und die Theoretiker glauben sogar bei Schnebel Spuren von Melancholie, Trauer und Resignation zu erkennen, während dieser selbst seinen „Majakowski“ schreibt und diesen, Chlebnikow und Lenin auf der Bühne rezitieren lässt. Das Münchner Publikum von 2005 fand daran nichts Anstößiges und ließ sich auf die Reise ins Innere der Gefühle des Poeten mitnehmen.

Meine Damen und Herren – ich möchte hier keinesfalls eine Installation von Texten aus der Hochzeit des experimentellen Musiktheaters, vielleicht eher: des experimentierenden Musiktheaters vortragen. Erinnern möchte ich lediglich an die Leidenschaftlichkeit, die dahinter stand und steht. Und der wir uns auch mit „100 Dinge(n); Gesichtsfreiheit; Deine Utopie; Euridike; Euphorie, Utopie und ein Trampolin; Garage Nr. 8; Möbius; Peepshow; Utopien Pflanzen; Zeit recyceln; Utopisch essen; Was machen wir, wenn wir da sind?; Giardino utopico und Wegen nach Hellerau“ [so die Titel des Projekts der Akademie von 2011 - d.A.] stellen müssen.

Die Wege in den philosophischen Garten des Hellerauer Helden Dieter Jaenicke, dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, allen voran Marion Demuth, Johannes S. Sistermanns und von der Musikhochschule Jörn Peter Hiekel, Versuchsanordnungen vorgeschlagen, konzipiert und ethisch unbedenklich sowie kostengünstig [hier wurde ich von Dieter Jaenicke inzwischen darauf aufmerksam gemacht: kostenGÜNSTIG sei das alles durchaus nicht... d.A.] durchführbar gemacht haben – Ihnen allen sei gedankt für das Engagement der zurückliegenden Zeit, das zum Ergebnis der III. Akademie geführt hat. Es wurden Formen erprobt und gefunden, künstlerische Substanz entdeckt und Sinnlichkeit gefunden – ganz sicher.

Vielleicht haben Sie alle beim Experimentieren Schnebels 3 Kategorien der psychischen Verhaltensmuster verwendet: „Kategorie A meint all das, was so ganz unwillkürlich aus einem herausdrängt, eigentlich das, was Freud das Es nennt. … Kategorie B meint das Über-ich-hafte, all das, was an Normen in uns steckt, und in einen Prozess einfließen soll. Die Kategorie C schließlich meint ganz ich-haft verantwortliches Gestalten. Mit diesen drei Kategorien habe ich eine sehr merkwürdige Erfahrung gemacht: was den Interpreten am meisten Spaß macht, ist das zwanghafte Über-ich-hafte. Während wenn Du sagst: aufs Unwillkürliche achten, die Sau rauslassen, dann kriegen sie große Angst. Am schlimmsten ist es dann, wenn es ins eigenverantwortliche Ich-hafte übergeht.“

Wir müssen ja vielleicht nicht gleich den Gegensatz konstruieren: entweder Theater spielen oder morden… Aber an den Beginn des Satzes sei erinnert: „Ich bin errettend vereinnahmt vom Theaterspiel, das mich sanft macht, wenn ich oft auf unerklärliche Art erregt und aufgebracht und aggressiv bin.“

Lassen wir uns errettend vereinnahmen von den Experimenten der Akademie im Hain von Hellerau!

Die Zitate sind entnommen:
- Musik-Konzepte 16, Mainz, 1980 (darin die Aufsätze "Gestoppte Gärung" von D. Schnebel, "Musikphilosophie der Freiheit von Norbert Nagler
- Sigrid Neef, "Das Theater der Ruth Berghaus", Berlin 1989 (darin: Gespräch zwischen Ruth Berghaus und Heiner Müller, moderiert von S. Neef)

15
Apr
2011

Tagung der Internationalen Posaunen-Vereinigung (IPV)

Von heute bis Sonntag findet an der HfM Carl Maria von Weber die 5. Tagung der IPV statt. Ein Begrüßungstext für die entsprechenden Veröffentlichungen.

Zur Tagung der Internationalen Posaunen-Vereinigung heiße ich Sie an der Musikhochschule Carl Maria von Weber Dresden ganz herzlich willkommen! Es ist für uns eine große Ehre, dass Sie sich für diesen Tagungsort entschieden haben!

Die Stadt verfügt über eine lange und besondere Tradition gerade auch bei den Blechblasinstrumenten. Die wundervollen Werke und reich besetzten Psalmen Davids von Heinrich Schütz zeugen davon, wie gut bereits vor 400 Jahren die Posaunen besetzt gewesen sein müssen. Moritz von Fürstenau schreibt: "Die gemeine Posaune war damals sehr beliebt und cultiviert und wurde sogar als Concertinstrument benutzt". So führt eine direkte Linie des von Praetorius gerühmten Dresdner Posaunisten Erhard von Preußen über den 1651 urkundlich verbürgten ersten angestellten Posaunenbläser Philometis, über die zwischen 1684 und 1691 jeweils mit 200 Talern entlohnten Musiker Winkler, Taschenberg und Westhof (möglicherweise das erste nachgewiesene Posaunentrio der Orchestergeschichte) bis zu den bedeutenden Spielern des 20. Jahrhunderts, die sich in Lehrwerken und anderen Veröffentlichungen geäußert haben und deren vollendete Posaunenkunst auf zahlreichen Tondokumenten von Böhm über Kleiber, Kempe und Karajan, Kegel, Janowski und Frübeck de Burgos zu bewundern ist.

Zu den Dresdner Besonderheiten der Blechbläser zählt seit Jahrzehnten das Miteinander in verschiedenen Ensembles. Staatskapelle und Philharmonie, Hochschule für Musik und regionale Orchester sind in diesen Vereinigungen stets eng verwoben, internationale Spitzenleistungen, Nachwuchsarbeit und Forschung greifen direkt ineinander. Diese Entwicklung ist mit herausragenden Namen wie Peter Damm bei den Hörnern, Ludwig Güttler bei den Trompeten, Alois Bambula oder Hans Hombsch bei den Posaunen verbunden und sicher völlig unzureichend beschrieben. Längst sind bedeutende junge Musikerinnen und Musiker auf die traditionsreichen Plätze gerückt und zeugen von der Lebendigkeit einer einzigartigen Linie des Musizierens mit dem Blechblasinstrument.

So wünsche ich Ihnen bereichernde, erfüllte Tage an der Elbe und darf in einer Stadt, in der im Zusammenhang mit dem Orchesterspiel gelegentlich das Wort ‚Wunderharfe‘ benutzt wird Ihnen gratulierend zurufen: Die Posaunen sind Bestandteil dieses Wunders – in Dresden seit über 400 Jahren!

Herzlich willkommen!

Eröffnung des neuen Semesters der Dresdner Seniorenakademie

Zum Beginn des neuen Semesters der Dresdner Seniorenakademie für Wissenschaft und Kunst fand am Montag dieser Woche die Eröffnungsveranstaltung statt. Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Müller-Steinhagen, Rektor der TU Dresden seit Herbst 2010 (Thema: Desertec - Strom aus der Wüste). Mir als neuer Rektor der HfM kam die ehrenvolle Aufgabe zu, die Veranstaltung zu eröffnen - ich tat es mit den folgenden Worten:

Meine Damen und Herren, unser Leben steht auf schwankendem Grund.

Zu kaum einer anderen Zeit seit 1945 ist uns das deutlicher geworden als am Beginn des 21. Jahrhunderts. Durch Menschenhand einstürzende Türme, die für eine Ewigkeit gebaut waren und dem Terrorwahnsinn nicht standhielten, vernichtende Kräfte der Erde und des Wassers, viel subtiler aber noch die Selbstverständlichkeiten einer Welt des Fortschritts, des Vertrauens auf die Sicherheit der Technik – es sei jene der Atomkraft, eines A 380 oder ICE – alles scheint auf dem schwankenden Grund vermeintlicher Gewissheiten gebaut, die in der letzten Zeit gehörig erschüttert wurden. Nicht wenige Wissenschaftler und Philosophen haben auf die Tatsache verwiesen, dass all diese ‚Unsicherheiten‘ seit der Formulierung von Murphys Gesetzt längst bekannt waren: alles, was schiefgehen kann, geht auch schief, man muss nur lange genug warten. Ein Leser des Spiegel formulierte scharfsinnig: „Majak, Sellafield, Harrisburg, Tschernobyl, Forsmark, Fukushima. Nach mathematischen Berechnungen von Atomexperten kann ein ernst zu nehmender Unfall höchstens alle 100 000 Jahre geschehen … Da sieht man mal, wie schnell die Zeit vergeht.“

Unser Leben steht auf schwankendem Grund. Wie können wir ihn fester machen?

Bei den Überlegungen zu diesen Begrüßungsworten zum neuen Semester der Dresdner Seniorenakademie musste ich immer wieder an einen sehr entfernten Verwandten denken, über dessen Geschichte im Familienkreise bisweilen erzählt wurde. In den verhängnisvollen 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es an nicht wenigen Orten auch in der sächsischen Region eine Spaltung innerhalb der evangelischen Kirche. Im sogenannten Kirchenkampf stellten sich die Vertreter der „Bekennenden Kirche“ gegen den Alleinvertretungsanspruch der „Deutschen Christen“. Ein junger, sehr beliebter Vikar in einem Ort im Erzgebirge hielt Gottesdienste daraufhin im Wald. Der aufrechte junge Mann war einer, der Zeit seines Lebens auf dem Weg war. Die Wirren der Jahre führten ihn danach ins Fränkische, später in die Schweiz, wo er wegen einer Erkrankung der Lunge lange Zeit in einem Hochgebirgsort seinen Dienst tat. Nach seiner Pensionierung schrieb er sich ein als Student der Universität Bern, um seinen theologischen Doktor zu machen. Es wird erzählt, dass in einem Studentenwohnheim ein gewisses Erstaunen registriert wurde, als zwischen den vielen Namensschildern auf den Türen eines zu sehen war mit der Aufschrift: „Willy B., Pfarrer i.R.“. Leider endet die Geschichte beinahe tragisch, denn in seinem Aufbruchsgeist schreckte der Pensionär und angehende Promovend vor nichts zurück, wollte trampen und erlitt einen schweren Unfall, bei dem er ein Bein verlor. Am Wegesrand laufend wurde er angefahren.
Beinahe hatte ich die Geschichte vergessen, als ich neulich in ganz anderem Zusammenhang erfuhr, dass es noch heute im erzgebirgischen Ort Leute geben soll, die stolz darauf sind, von ihm, und nicht vom Vertreter der Deutschen Christen konfirmiert worden zu sein. Eine im doppelten Wortsinn bewegende Geschichte.

Meine Damen und Herren – die Gedanken und Diskurse von Wissenschaft, Kunst und Musik, von Geschichte, Philosophie und Geistesleben bewegen uns, weil sie keine Halbwertszeiten haben. Die Töne, die in den Veranstaltungen des neuen Semesters erklingen, über die Sie Vorlesungen, Einführungen hören oder zu denen Sie Matineen besuchen können, sind ewig im Gedächtnis des Universums verankert. Und selbst, wenn die Stimme Edda Mosers, die in einer Raumkapsel inzwischen das Sonnensystem verlassen haben soll, von keiner außerirdischen Zivilisation je wahrgenommen werden sollte: die zugrunde liegenden Noten der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte können nicht mehr aus der Welt radiert werden. Es sind Schöpfungen, Gedanken, Strukturen und Gewissheiten auf festem Grund. Keine Sonate von Telemann, keine Fuge von Bach, keine der Opern Mozarts muss den Weg der zerfallenden Jodpartikel von der japanischen Küste gehen, die um den Erdball fliegen, auf dem Berg „Schauinsland“ bei Freiburg gemessen, um anschließend vielleicht beim morgendlichen Eiskratzen von einer deutschen Windschutzscheibe entfernt zu werden. Ebenso wenig bedürfen sie der Verdünnung durch den pazifischen Ozean. Und auch die mathematisch generierten Kompositionen des Griechen Iannis Xenakis oder die dem kabbalistisch-mystischen Gedankengut folgenden des Portugiesen Emmanuel Nuñes werden Drachme, Euro und europäische Staatsverschuldungen überstehen. Vielleicht bringt uns die merkwürdig anmutende Vorstellung, dass dereinst auch die Dresdner Waldschlösschenbrücke nebst ehemaligem Weltkulturerbe im Roten Riesen Sonne verglühen werden zur Erkenntnis, dass so manche Million und Milliarde zum Schutz unseres Welterbes des Geistes, mithin also in unseren Universitäten, Hochschulen, Theatern und Orchestern keinesfalls schlecht angelegt ist und viele davon eines bisher nur für sterbende Banken vorgesehenen ‚Rettungsschirms‘ dringend bedürfen?

Das neue Semester der Dresdner Seniorenakademie, die sich in ihrem 17. Jahrgang befindet (und damit allmählich mit den Planungen zu einem kleinen Jubiläum beginnen kann und sollte) bietet all diese wundervollen und großartigen Leistungen, mit denen sich die großen Wissenschaftler und Künstler unseres schwankend rotierenden Planeten in seinen festen Geistesgrund eingeschrieben haben, in unübersehbarer Fülle vor Ihnen aus.
Sie selbst sind gekommen und haben sich ihrerseits ‚eingeschrieben‘, um in den Veranstaltungen und Angeboten den Diskurs zu suchen, fortzusetzen und immer wieder neu zu entfachen – wahrscheinlich das beste Mittel, um den unsicheren Grund fester zu machen. Sie wollen auf dem Weg bleiben. Ich kann Ihnen zu Ihrer Entscheidung und Immatrikulation nur auf das Herzlichste gratulieren, wünsche Ihnen Erkenntnisse, Anregungen, aufregende Erfahrungen und – als Rektor einer Musikhochschule – natürlich auch künstlerisch inspirierende Erlebnisse. Der Boden, auf dem solches wächst, wird auch nach diesem Semester schwankend bleiben, die Gewissheiten instabil. Aber mit Ihrer Einschreibung immatrikulieren Sie sich in ein größeres, universelles Gedankengut. Ihre Ideen, Diskussionsbeiträge und Fragestellungen bleiben ebenso gespeichert und erhalten wie Töne, Wissen, Geschichte und Geschichten. Mit Fug und Recht dürfen Sie Ihr Türschild auswechseln und statt „in Ruhe“ hinfort schreiben: „in Bewegung“.

Herzlich willkommen zum neuen Semester und Alles Gute für Ihr Studium!

20
Mrz
2011

Irina Tigranova +

Irina

Heute erhielt ich die traurige und völlig überraschende Nachricht, dass

IRINA TIGRANOVA,

die Witwe des armenischen Komponisten Avet Terterian, am 16. März verstorben ist und am 18.3. begraben wurde.
Die Geschichte zwischen mir einerseits und Irina und Avet andererseits ist lang und voll von tiefen, wundervollen Begegnungen, Ereignissen und Musik. Der Schock über die Nachricht sitzt zu tief, um hier angemessen reagieren zu können. Ein Mensch mit besonderen Begabungen und vor allem voller Liebe ist gegangen.

Mehr Informationen werden demnächst auf www.terterian.org zu finden sein.

Nach der Premiere der Oper DAS BEBEN von Avet Terterian (oder war es eine der vielen Vorstellungen danach?) entstand das folgende Foto von Irina und mir.

Irina-und-EK

Sie wird uns allen unvergessen bleiben!

8
Feb
2011

Erfolge eigener Schüler...

Die letzten Tage waren von vielen schönen Erlebnissen mit eigenen Schülern geprägt:

Lennart Dohms hat mit seinem Ensemble El perro andaluzsoeben den Kunstpreis der Stadt Dresden verliehen bekommen (Nachwuchspreis).
Karl Bernewitz hat ein sehr erfolgreiches Konzert seines Werkstattorchesters dirigiert.
Daniel Spogis dirigierte zum 50. Jubiläum des Dresdner Universitätsorchesters vor über 1000 Zuhörern zwei Uraufführungen.
Und Oleg Ptashnikov erlebte ich zur (vorläufig?) letzten Vorstellung der legendären MARTHA in der Regie von Loriot am Gärtnerplatz in München. Die von mir dirigierte Premiere von 1997 lief insgesamt fast 14 Jahre...
Am Donnerstag wird Vinzenz Weißenburger eine Produktion beim MDR-Sinfonieorchetser dirigieren.

Gedenkkonzert für DAVID STAHL

David-Stahl

Am kommenden Samstag wird es ein Gedenkkonzert für den im Oktober verstorbenen ehemaligen Chefdirigenten des Staatstheaters am Gärtnerplatz München geben. Auf Einladung des Orchesters versammeln sich 4 Dirigenten, die mit Stahl zusammengearbeitet haben und gestalten ein Konzert, das Bezug auf Stahls eigene Favoriten nimmt: Mozart, Strauss, Mahler, Bernstein - dazu eine Uraufführung von Winfried Hiller. Mir selbst kommt die Ehre zu, Bernsteins 1. Sinfonie mit dem Untertitel "Jeremiah" zu musizieren. Die heutige erste Probe in München war von sehr vielen Emotionen geprägt - nach fast 4 Jahren an eine 11-jährige Wirkungsstätte zurückzukehren, ist im wahrsten Sinne: bewegend.

Mehr zum Konzert hier.

Eine Würdigung, die (gekürzt) im Programmheft erscheint:

David Stahl kam mit mir gemeinsam an das Gärtnerplatztheater. Klaus Schultz und Reinhard Schwarz waren auf der Suche nach einem Dirigenten – jung genug, um neue Impulse zu geben, erfahren genug, um einen ZAR, FIGARO, WILDSCHÜTZ, einen HOFFMANN, die ARIADNE, MANON oder LUSTIGE WITWE ohne Aufhebens übernehmen zu können. Dieser Part fiel mir zu… David kam für ausgewählte Produktionen als ständiger Gastdirigent.

Es war am Haus üblich, dass jeweils 2 Dirigenten ein Stück gemeinsam betreuten. Auch alle szenischen Proben mit Klavier wurden in aller Regel von einem dieser beiden Dirigenten geleitet (- ein luxuriöser Zustand, der hoffentlich noch anhält und unser Markenzeichen war)! Das GPT hatte damals nicht weniger als 6 ständige Dirigenten: Reinhard Schwarz, Tristan Schick, David Stahl, Herbert Mogg, Stefan Klingele und Ekkehard Klemm, dazu der Chordirektor H. J. Willrich und weitere Gäste. Das war die Basis für eine stabile Qualität der Repertoire-Abende.

Die erste Zusammenarbeit mit David war CARMEN (Regie: K. Horres). Ich leitete Ensembleproben und vertraute meiner Erfahrung mit dem Stück. Nach den ersten Proben mit David war klar: es wird alles ganz anders! Ganz langsam! Ich bremste fortan bei jeder Probe und suchte, das Ensemble auf die ruhige Gangart des Kollegen einzuschwören. Die (gefeierte!) Premiere: Ich hatte das Stück selten schneller erlebt… Davids Geheimnis als Dirigent war das Vertrauen auf die Spannung am Abend. Seine Spezialität war nicht das Arbeiten an Exaktheit und Klarheit – Sauberkeit und Transparenz entstanden als Ergebnis des Arbeitens an Linien, Klang und Energie. Das machte sein CANDIDE überwältigend und erfolgreich, seine WEST SIDE STORY zum großen Wurf und sein CAPRICCIO zu einem subtilen Kammerspiel.

Typisch für ihn war auch das Vertrauen auf künstlerische Anregungen von außen, die er gern aufnahm. In diesem Geist und Sinn ließ er sich darauf ein, als ich ihm vorschlug, DON GIOVANNI komplett am Hammerklavier zu begleiten – nicht nur die Recitative, sondern das ganze Stück, so, wie das sicher zu Mozarts Zeit auch gewesen ist (damals möglicherweise mit Cembalo). Wir lernten beide: Er, wie sich das Stück völlig anders anhörte, ich, wie es sich einen ganzen Opernabend lang mitten im Orchestergraben musiziert. Nicht immer war ich mit den Tempovorstellungen des Kollegen einverstanden – doch hieraus erwuchs eine Lebendigkeit bei der Übernahme seiner Abende durch mich: Dem Orchester wurde nicht langweilig…

Zu danken habe ich David Stahl und Klaus Schultz insbesondere die Übergabe vieler repräsentativer Premieren. Nachdem Reinhard Schwarz Reimanns MELUSINE sich mit mir geteilt hatte, war mein Faible für die neue Musik ‚aktenkundig‘ geworden. Es folgten Tarnopolski, Henze, Egk, Terterian, Schnebel, schließlich Nonos INTOLLERANZA. Doch auch ENTFÜHRUNG, FLEDERMAUS und IDOMENEO gingen an mich. Das Haus war um das Besondere bemüht, und David Stahl und Klaus Schultz sorgten gemeinsam dafür, dass es möglich wurde. Zu diesem Besonderen zählt unbedingt auch Stravinskis RAKE’s PROGRESS, den wir uns wieder teilten: Bei David dominierte das Feuer, bei mir möglicherweise die Exaktheit und das rhythmische Element – wenn ich mich recht erinnere, gab es in beiden Versionen das, was man vielleicht als Sternstunden bezeichnen dürfte.
Ich werde die Tränen nicht vergessen, mit denen David mich eines Tages im Orchestergraben des ‚Prinze‘ bat, eine Vorstellung CAPRICCIO wenige Tage später zu übernehmen – seine Frau sei schwer erkrankt und er müsse nach Hause. Das ist wohl mehr als 10 Jahre her und dennoch erst gestern gewesen. Nun stehen wir fassungslos vor dem Verlust gleich beider Menschen.

Wir haben ihnen unendlich viel zu verdanken.

Gedenkkonzert für DAVID STAHL

David-Stahl

Am kommenden Samstag wird es ein Gedenkkonzert für den im Oktober verstorbenen ehemaligen Chefdirigenten des Staatstheaters am Gärtnerplatz München geben. Auf Einladung des Orchesters versammeln sich 4 Dirigenten (außer mir Andreas Kowalewitz, Adrian Müller und Constantinos Carydis), die mit Stahl zusammengearbeitet haben sowie mehrere wunderbare Solisten und gestalten ein Konzert, das Bezug auf Stahls eigene Favoriten nimmt: Mozart, Strauss, Mahler, Bernstein - dazu eine Uraufführung von Winfried Hiller. Mir selbst kommt die Ehre zu, Bernsteins 1. Sinfonie mit dem Untertitel "Jeremiah" zu musizieren. Die heutige erste Probe in München war von sehr vielen Emotionen geprägt - nach fast 4 Jahren an eine 11-jährige Wirkungsstätte zurückzukehren, ist im wahrsten Sinne: bewegend.

Mehr zum Konzert hier.

Eine Würdigung, die (gekürzt) im Programmheft erscheint:

David Stahl kam mit mir gemeinsam an das Gärtnerplatztheater. Klaus Schultz und Reinhard Schwarz waren auf der Suche nach einem Dirigenten – jung genug, um neue Impulse zu geben, erfahren genug, um einen ZAR, FIGARO, WILDSCHÜTZ, einen HOFFMANN, die ARIADNE, MANON oder LUSTIGE WITWE ohne Aufhebens übernehmen zu können. Dieser Part fiel mir zu… David kam für ausgewählte Produktionen als ständiger Gastdirigent.

Es war am Haus üblich, dass jeweils 2 Dirigenten ein Stück gemeinsam betreuten. Auch alle szenischen Proben mit Klavier wurden in aller Regel von einem dieser beiden Dirigenten geleitet (- ein luxuriöser Zustand, der hoffentlich noch anhält und unser Markenzeichen war)! Das GPT hatte damals nicht weniger als 6 ständige Dirigenten: Reinhard Schwarz, Tristan Schick, David Stahl, Herbert Mogg, Stefan Klingele und Ekkehard Klemm, dazu der Chordirektor H. J. Willrich und weitere Gäste. Das war die Basis für eine stabile Qualität der Repertoire-Abende.

Die erste Zusammenarbeit mit David war CARMEN (Regie: K. Horres). Ich leitete Ensembleproben und vertraute meiner Erfahrung mit dem Stück. Nach den ersten Proben mit David war klar: es wird alles ganz anders! Ganz langsam! Ich bremste fortan bei jeder Probe und suchte, das Ensemble auf die ruhige Gangart des Kollegen einzuschwören. Die (gefeierte!) Premiere: Ich hatte das Stück selten schneller erlebt… Davids Geheimnis als Dirigent war das Vertrauen auf die Spannung am Abend. Seine Spezialität war nicht das Arbeiten an Exaktheit und Klarheit – Sauberkeit und Transparenz entstanden als Ergebnis des Arbeitens an Linien, Klang und Energie. Das machte sein CANDIDE überwältigend und erfolgreich, seine WEST SIDE STORY zum großen Wurf und sein CAPRICCIO zu einem subtilen Kammerspiel.

Typisch für ihn war auch das Vertrauen auf künstlerische Anregungen von außen, die er gern aufnahm. In diesem Geist und Sinn ließ er sich darauf ein, als ich ihm vorschlug, DON GIOVANNI komplett am Hammerklavier zu begleiten – nicht nur die Recitative, sondern das ganze Stück, so, wie das sicher zu Mozarts Zeit auch gewesen ist (damals möglicherweise mit Cembalo). Wir lernten beide: Er, wie sich das Stück völlig anders anhörte, ich, wie es sich einen ganzen Opernabend lang mitten im Orchestergraben musiziert. Nicht immer war ich mit den Tempovorstellungen des Kollegen einverstanden – doch hieraus erwuchs eine Lebendigkeit bei der Übernahme seiner Abende durch mich: Dem Orchester wurde nicht langweilig…

Zu danken habe ich David Stahl und Klaus Schultz insbesondere die Übergabe vieler repräsentativer Premieren. Nachdem Reinhard Schwarz Reimanns MELUSINE sich mit mir geteilt hatte, war mein Faible für die neue Musik ‚aktenkundig‘ geworden. Es folgten Tarnopolski, Henze, Egk, Terterian, Schnebel, schließlich Nonos INTOLLERANZA. Doch auch ENTFÜHRUNG, FLEDERMAUS und IDOMENEO gingen an mich. Das Haus war um das Besondere bemüht, und David Stahl und Klaus Schultz sorgten gemeinsam dafür, dass es möglich wurde. Zu diesem Besonderen zählt unbedingt auch Stravinskis RAKE’s PROGRESS, den wir uns wieder teilten: Bei David dominierte das Feuer, bei mir möglicherweise die Exaktheit und das rhythmische Element – wenn ich mich recht erinnere, gab es in beiden Versionen das, was man vielleicht als Sternstunden bezeichnen dürfte.
Ich werde die Tränen nicht vergessen, mit denen David mich eines Tages im Orchestergraben des ‚Prinze‘ bat, eine Vorstellung CAPRICCIO wenige Tage später zu übernehmen – seine Frau sei schwer erkrankt und er müsse nach Hause. Das ist wohl mehr als 10 Jahre her und dennoch erst gestern gewesen. Nun stehen wir fassungslos vor dem Verlust gleich beider Menschen.

Wir haben ihnen unendlich viel zu verdanken.

26
Dez
2010

Dirigierkurse und –seminare mit regionalen Orchestern – ein Bericht

Jahrbuch-20101

Erschienen ist das Jahrbuch 2010 der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Darin u.a. ein Beitrag über Dirigierkurse mit sächsischen Orchestern, der unterstreicht, welch wichtige Arbeit diese regionalen Orchester neben ihren vielfältigen Konzerten und Theatervorstellungen leisten.

Es gehört seit Jahrzehnten zum Profil der Dirigierausbildung der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, mit den in der Region ansässigen Orchestern sehr eng und regelmäßig zusammenzuarbeiten. In den zurückliegenden Jahren konnte diese wichtige Brücke zur Praxis wesentlich intensiviert und durch neue Ideen und Projekte bereichert werden, von denen das gesamte Institut profitiert.

Das Orchester der Landesbühnen Sachsen steht jährlich zu etwa 8 – 10 Probenterminen als „Kursorchester“ zur Verfügung. Im Jahr 2006 gestaltete das Orchester darüber hinaus die Finalrunde des Deutschen Hochschulwettbewerbs im Fach Dirigieren und erarbeitete dafür das Trompetenkonzert von B. A. Zimmermann sowie drei klassische Sinfonien von Mozart, Haydn und Beethoven.
Eine neue Idee der Kooperation wurde im letzten Frühjahr erstmals erprobt: Unter Leitung von Studenten und mit studentischen Solisten wird ein Programm der Sinfoniekonzertreihe der Landesbühnen im Konzertsaal der Hochschule wiederholt. Paul Johannes Kirschner, Michael Muche, Jakobus Gladziwa und Karl Bernewitz interpretierten Werke von Grieg und Sibelius und legten dabei Prüfungen ab, Stanko Madić – Meisterschüler des neuen Geigen-Professors Igor Malinowski und Mitglied der Sächsischen Staatskapelle – wurde für den Solopart in Sibelius‘ Violinkonzert gefeiert. Künftig wird es 2 Sinfoniekonzerte der Landesbühnen geben, die auch in der Hochschule erklingen, eines unter Leitung von GMD Carulli, eines unter Leitung von Dirigierstudenten, beide mit der Möglichkeit, Studenten als Solisten einzusetzen.

Die Dirigiertermine in Riesa bei der neuen elbland philharmonie sind geradezu „legendär“. Mit den Orchestern in Riesa und Pirna kooperierten schon Rudolf Neuhaus und Siegfried Kurz. Ich selbst habe in Riesa (im Schülerkonzert!) erstmals die „Fünfte“ von Beethoven dirigieren dürfen, außerdem die „Achte“ von Dvořak, das Klavierkonzert von Schumann und vieles mehr. „Legendär“ aber auch aus einem anderen Grund: Die Fahrt von Riesa zurück nach Dresden dauert eine von den Studenten gefürchtete Weile und im PKW des Hauptfachlehrers wurde manch nötige Kritik sehr direkt ausgesprochen. Lebhafte Diskussionen oder ehernes Schweigen halten sich bei diesen Fahrten in etwa die Waage.
In den letzten Jahren wurden mit dem Orchester Formate erprobt, die über den Rahmen ‚normaler‘ Dirigierkurse deutlich hinausgehen. 2008 gab es ein Operettenprogramm, an dem unter Leitung von Peter Fanger 6 Dirigenten und fast 20 Gesangssolisten teilnahmen. Wiederholung ist die Mutter der Weisheit: Durch die Reprisen der Konzerte in mehreren Städten wurde die Zusammenarbeit ganz besonders intensiv und für die Studierenden wertvoll. 2010 stand sogar ein Sinfoniekonzert zur Verfügung: In 5 Konzerten traten 10 Dirigierstudenten auf, sowie 5 PianistInnen und 3 Geigerinnen. Auf diese Weise werden Synergien in ganz vorbildlicher Weise genutzt und alle Abteilungen der HfM profitieren von der Zusammenarbeit.
Vor diesem Hintergrund sind wir glücklich, mit ‚den Riesaern‘ demnächst Lortzings WILDSCHÜTZ gestalten zu können. Mit der Opernklasse erklingt das Werk zunächst im Kleinen Haus und geht danach auf Reisen in die Spielorte des Orchesters. Dirigierstudenten, die bei der Erarbeitung mitwirken, erhalten dabei die Möglichkeit von Nachdirigaten – die beste Schulung für spätere Probedirigate an Opernhäusern.

Seit nunmehr über 5 Jahren hat sich eine regelmäßige Veranstaltung mit der Erzgebirgischen Philharmonie Aue etabliert: ein ca. einwöchiges Dirigierseminar, bei dem die Dresdner Dirigierlehrer (außer mir Prof. Steffen Leißner, Prof. Christian Kluttig und Georg Christoph Sandmann) mit ihren Zöglingen Repertoire erproben können. Die seminaristische Arbeit auf ein konkretes Ziel hin ist von großem Vorteil. Die Studenten lernen dabei, ein Stück wirklich zu erarbeiten und es zur Konzertreife zu führen. Die wunderbaren Bedingungen in Aue, wo sogar in zwei Räumen probiert werden kann, verdoppeln die Möglichkeiten: So haben 2009 die Bläser Stravinskis ‚Symphony for winds‘ probiert, während die Streicher zeitgleich mit Dvořaks Serenade beschäftigt waren. Der Erfolg der Zusammenarbeit hat dazu geführt, dass GMD Takahashi und Geschäftsführer Rötting 2010 ein Sinfoniekonzert mit Werken von Stravinski, Strauss und Schumann für das Seminar angeboten haben. Auf dieser Basis soll 2011 weitergearbeitet werden. Bisher gab es regelmäßig Reprisen der Konzerte auch in Dresden, zunächst noch in der Lukaskirche, seit 2009 nun auch im Konzertsaal, was nicht zuletzt für das Orchester aus dem Erzgebirge eine wichtige Möglichkeit ist, sich in der Landeshauptstadt zu präsentieren. Dabei kommen meist nochmals neue Dirigenten und Solisten zum Einsatz.

Eine völlig neue Zusammenarbeit hat der MDR mit dem MDR-Sinfonieorchester angeregt. Einmal jährlich gibt es in Zukunft vier Proben mit insgesamt 6 Dirigenten, 2 aus jeder Hochschule des Sendegebiets. Daraus werden 3 ausgewählt, die dann im Frühjahr ein komplettes Konzert gestalten. Außerdem bietet der MDR die Möglichkeit an, Tonaufnahmen zu produzieren und so die Bedingungen professioneller Rundfunkstudios kennenzulernen. Cornelius Volke konnte im Mai eine frühe Sinfonie von Mozart aufnehmen und den „Faust-Walzer“ von Gounod.

Auch die Plauen/Zwickau, Freiberg/Döbeln und Görlitz sind eingebunden. Beim Philharmonischen Orchester Plauen-Zwickau profitieren wir insbesondere von der Größe der Besetzung. Erst kürzlich erklangen dort in mehreren Proben der „Don Juan“ von Strauss, sein „Till Eulenspiegel“, Sinfonien von Tschaikowski, Schumann u.a. Die Neue Lausitzer Philharmonie stand zuletzt z.B. für Prüfungen der Klavierabteilung zur Verfügung. Das Begleiten von Solo-Literatur gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben und kann nur selten trainiert werden. Das Orchester des Mittelsächsischen Theaters stand ebenfalls für Konzerte in Freiberg und Döbeln zur Verfügung, neue Projekte sind vorgesehen.

Die genannten Initiativen sind eine die Dresdner Hochschule prägende Leitlinie der Ausbildung, die in dieser Intensität nur wenige vergleichbare Institute ihren Studenten anbieten können. Über das gesamte Bundesland konnte ein Netz von Kooperationen gespannt werden. Den beteiligten Orchestern, Dirigenten, Geschäftsführern, Intendanten kann für das Vertrauen nicht genug gedankt werden!
Eine wichtige und mit allem Nachdruck vorzubringende Forderung geht in diesem Zusammenhang an die Politik: Nicht nur die Regionen brauchen ihre Theater und Orchester zur Stabilisierung kultureller und pädagogischer Angebote, auch die Hochschulen benötigen sie. Sie durch andauernde Diskussionen um Einsparungen in Frage zu stellen, nimmt einem ganzen Land die Attraktivität, schmälert Bildungschancen und schreckt Leistungsträger ab. Dauerhafte kulturelle Angebote können nicht durch einwöchige Festivals ersetzt werden – wenn diese dazukommen: Umso besser. Die Basis jedoch muss gefestigt werden. Dafür sollte alles Erdenkliche getan werden.

24
Dez
2010

Frohe Weihnacht mit Schumann und Schenker

SchumannSchenker-CD

Erschienen ist kurz vor Weihnachten die CD mit dem Titel "Musik aus Dresden - Avantgarde 1846 und 2010".

Die Sächsische Zeitung schwingt sich zu einem weihnachtlichen Lob auf: Wohl kaum einer würde Robert Schumann heute zur Avantgarde zählen. Ekkehard Klemm, umtriebiger Dirigent und Rektor der Dresdner Musikhochschule „Carl Maria von Weber“, tut es – und hat recht. ... Und es klingt gut: Die Studenten interpretieren mit Klemm die beiden kantenreichen Schönheiten mit Entdeckerfeuer. Der Schenker ist lustvoll spröde, der Schumann energiegeladen trotz Eleganz – eben mit Liebe gespielt.

Das Booklet mit Texten von mir und Prof. Manuel Gervink erklärt etwas mehr den Hintersinn des Titels:

12 Charakterstücke für jugendliches Orchester/UA Friedrich Schenker
„Welch ein Werk ist der Mensch? Zur Hälfte doch hoffentlich ein Wesen, das sich selbst und seine Mitwelt heiter erfährt. Was aber ist Heiterkeit? Und wie kann Heiterkeit, Hohnlachen, Biss, Satire in moderner Musik funktionieren? Friedrich Schenker weiß die Frage strukturell wie kaum ein anderer auseinander zu nehmen. Die Devise des Komponisten und Posaunisten: Je unfröhlicher die Zeiten, desto abgefeimter, bissiger die Musik.“ Mit diesen Worten ehrte Stefan Amzoll 2002 den damals 60-jährigen Friedrich Schenker. „Springt der Künstler mit Bildern, Texten, Noten, Figuren heiter um, dringt er gelaunt oder missgelaunt in die Zerrwelt des Fragments, um sie nach seinem Bild umzuformen, experimentiert er mit artigen und abartigen Phantasien, entscheidet er, wann was wo stimmig und unstimmig gerät, wann Wirklichkeit mitläuft und wann nicht, ob etwas kühn, idiotisch, sachlich, frivol, monumental, frech, barbarisch, kitschig, infantil, lachhaft, lustvoll, dämlich, schändlich ist, dann tut er das kritischen Herzens und wachen Auges. Scharf und ganz unsentimental schaut Schenker dabei und fragt, zu welcher Schande die Jetztwelt noch fähig ist und wie man ihr Lichter aufsetzen kann.“
In diesem Kontext sind auch die „12 Charakterstücke für jugendliches Orchester“ zu sehen. Schon der Titel verrät Ironie: denn natürlich sind die Anforderungen durchaus sehr hoch und keinesfalls von ‚Jugendorchestern‘ zu meistern. Eher ist wohl ein ‚jung gebliebenes‘ Orchester gemeint – eines, dass offen und neugierig auf Entdeckungssuche geht.
Voller Bezüglichkeiten streift Schenker in 12 Teilen durch die Musikgeschichte - vermeintliche Avantgarde wird dabei ebenso lustvoll persifliert wie Walzer, Impressionismus, Beethoven oder Marschmusik, die ins Straucheln gerät.
20 Jahre nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit reflektiert das neue Werk nicht zuletzt ein Stück Geschichte – wie immer bei Schenker: Mit Biss, sarkastischem Humor und Leidenschaft.

Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61 Robert Schumann
Am 5. November 1846 im Leipziger Gewandhaus unter der Leitung Mendelssohns uraufgeführt, war dem Werk kein spontaner Erfolg beschieden, was wohl an der Programmgestaltung gelegen haben mag, bei der das Konzert durch die Ouvertüre zu Gioacchino Rossinis Ouvertüre zu Wilhelm Tell eröffnet (und auf Verlangen des Publikums da capo wiederholt) worden war, wogegen Schumanns Sinfonie am Ende des Programms einen schweren Stand hatte. Dies hat aber ihre langfristige Anerkennung nicht verhindert. Im zweifellos vorhandenen Gegenüber verhaltener bis schwermütiger und lebhafter Passagen ein Abbild der persönlichen Situation Schumanns zu sehen, wäre sicherlich verfehlt.

Nahezu alle Abmachungen werden bereits in dem zarten, ungeduldigen, eruptiven Beginn des ersten Satzes geradewegs auf den Kopf gestellt. 4-taktige Taktgruppen in den Blechbläsern werden 3-taktigen in den Streichern gegenübergestellt; das Hauptthema bringt in 8 Takten 7 verschiedene Varianten eines gezackt punktierten Motivs und gleicht einem Würfelspiel mehr als einem Thema. Es herrscht eher ein kreatives Chaos im klassischen Gewand, angereichert mit kontrapunktischen Elementen im Geiste Bachs. Ein Stück Avantgarde des Jahres 1846, das in Teilen der Durchführung im Zusammenhang mit einer ausgesucht aparten Instrumentation und Dynamik fast eine Vorahnung von Debussy sein könnte.
Der bekannteste Satz der Sinfonie ist möglicherweise der zweite – ein fulminantes und virtuoses Scherzo, dessen Einfallsreichtum faszinierend ist. Auch hier scheut Schumann nicht die Neubewertung des Genres. Die Umstellung von langsamem Satz und Scherzo wie in Beethovens Neunter ist ihm nicht genug: er schreibt zur Abwechslung gleich zwei verschiedene Trios; eines, das beim Zitieren Mendelssohnschen Geistes gleichsam ins schwärmerische Singen verfällt, ein weiteres, das eben jenes Singen zum Fugato verarbeitet. Die Coda ist im Unterschied zu Beethoven nicht schroff und überraschend: sie fasst zusammen, führt weiter und es wird wohl jeder zustimmen, wenn sie ‚elektrisierend‘ genannt wird.
Einen ganz anderen Weg beschreitet der Komponist im langsamen dritten Satz, dessen Hauptgedanken mit einer unendlichen Melodie angemessen beschrieben werden könnte. Auch hier täuscht der Höreindruck zunächst Klassizität vor: Melodie plus Begleitung. In Wahrheit sind nicht eine, sondern sondern zwei ganz eigenständige Melodien zu entdecken: Jener in den 1. Violinen ist eine Basslinie zugeordnet, die in ihrer melodischen Bedeutung kaum weniger gelten kann. Die prägenden Sexten beider Linien erinnern an die Fanfaren aus Satz I: Sie übersteigern die Quinte des dortigen Trompetenmotivs um einen bedeutungsvollen Halbton und machen so aus einer Fanfare ein herzenswehes romantisches Lied, das im Verlaufe seiner Entwicklung alle Stationen zwischen Schmerz, Melancholie, Ergebenheit, Aufbäumen, Hoffnung und Zusammenbruch durchschreitet. Ein ‚Lied ohne Worte‘ von Schumann, das über die beschriebenen Eigenarten hinaus mit einer weiteren aufwartet: Es dürfte eine der ersten Klangfarbenmelodien der Musikgeschichte sein. Jedes neue Erscheinen des Aufwärtssprunges (später zur Septime geschärft) wird anders instrumentiert. Innerhalb des ersten Teiles findet sich in 9 verschiedenen Varianten nicht eine einzige Kombination von Instrumenten, die schon einmal verwendet worden wäre. Ganz außerordentlich ist in die Ausdruckskraft dieses Adagio espressivo, das noch dazu von einem Fugato unterbrochen wird, das mit Motivik aus Bachs Musikalischem Opfer an den Gesang der Geharnischten Männer aus Mozarts Zauberflöte gemahnt.
Das Elektrisierende kehrt im Schlusssatz zurück, der alle Kräfte bündelt. Mit einer Vitalität ohne Beispiel geraten Zacken, Fanfaren, Lieder und Linien, Fugen und Themen aller Sätze an- und ineinander. In drängendem Tonfall findet sich das schmerzliche Lied des 3. Satzes plötzlich als kraftvoll lyrisches Seitenthema wieder; die an Webers Freischütz erinnernde Klarinette schreit den gleichen Gedanken wenig später zu forte sempre con energia gemeißelten Triolen der 2. Violinen und Bratschen spiegelbildlich von oben herab; das schwärmerische Singen wird plötzlich zum „Nimm sie hin denn, diese Lieder“, mithin zu einem Zitat von Beethoven. Ganz am Ende ertönt in einem Jubiloso der Bläser eine übersteigerte Triolenfigur, die nicht anders als eine Verbeugung vor Schubert und seiner C-Dur-Sinfonie gedeutet werden kann – von Dresden aus geht der Gruß nach Wien zum bewunderten Meister, dessen großes sinfonisches Opus Schumann wiederentdeckt hatte – alles in allem ein ansteckendes Furioso, das uns hochgestimmt entlässt.


"ein ansteckendes Furioso, das uns hochgestimmt entlässt." In diesem Sinne ein frohes Fest allen Leserinnen und Lesern sowie allen Freunden und Interessenten!

18
Dez
2010

...und hier der Ausblick

Institut für Orchester- und Ensembleentwicklung

Die jahrhundertealte Tradition des Ensemble- und Orchesterspiels in Dresden aufgreifend soll ein modernes Institut mit Zukunftsvisionen für Ensemble- und Orchesterspiel unter Ausnutzung von Synergien der ansässigen Weltspitzenorchester, Ensembles und Institutionen gegründet werden. Verankert in der Tradition von Schütz über Hasse, Naumann, Weber, Schumann, Wagner bis Strauss, angesiedelt in der Gegenwart von Andre über Herchet, Krätzschmar, Münch, Olbrisch, Tsangaris, Weiss bis Zimmermann und mit dem kräftigen Blick nach vorn sollen dabei die Ausbildung sowohl mit Forschung als vor allem mit Praxis verbunden und neue, innovative Konzepte etabliert werden. Die Hochschule für Musik mit ihren Bachelor- und Masterstudiengängen steht dabei im Zentrum und vernetzt diese über das zu gründende Institut für Ensemble- und Orchesterentwicklung.

Praxisbezogene Masterstudiengänge mit Spitzenensembles

Die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden nutzt die Möglichkeit der Einrichtung von innovativen und praxisbezogenen Masterstudiengängen und verbindet diese über die Koordination durch das zu gründende Institut für Ensemble- und Orchesterentwicklung mit den Kultur-Institutionen der Stadt. Freie Ensembles werden in die Arbeit über Zielvereinbarungen eingebunden. Den Studierenden wird auf diese Weise die Möglichkeit geboten, bei entsprechender Eignung mit den Dresdner Spitzenensembles zusammenzuarbeiten.

Attraktivere Bachelorstudiengänge

Bereits im Bachelor- und einfachen Masterstudiengang arbeiten freie Ensembles regelmäßig mit den Studierenden zusammen. Hochschulorchester und freie Ensembles gestalten gemeinsame Projekte, Meisterkurse und Wettbewerbe werden in diese Arbeit integriert.

Aufwertung der Orchesterakademien durch Master

Die Akademien der beiden Orchester Sächsische Staatskapelle und Dresdner Philharmonie sowie die Akademie des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau erhalten für ihre Stipendiaten die Möglichkeit, die akademische Karriere durch den Erwerb eines Masters fortzusetzen. Die Studierenden verlieren für die Zeit der Mitgliedschaft in der Akademie keine Studienzeit und genießen durch den Studentenstatus alle dazugehörigen Vorteile (Studententickets, Krankenversicherung etc.).

Einbindung der Forschung

In die Arbeit des Instituts werden die Forschung über die Ensemble- und Orchesterkultur der Musikstadt Dresden und die vielbeschworene, jedoch wenig erforschte sogenannte „deutsche Orchesterkultur“ einbezogen. Besondere Schwerpunkte können neben den bereits im Zentrum stehenden Arbeiten über die Anfänge mit Schütz, die Zeit von Weber über Schumann, Wagner bis Strauss als der Zeit der Ausprägung deutscher Orchesterkultur sein. Einen dritten Schwerpunkt bildet die Zeit vor und während des Nationalsozialismus unter der besonderen Berücksichtigung verfemter Komponisten und verfolgter jüdischer Künstler.

Neue Musik

Der Blick in die Tradition muss gleichgewichtet mit dem Blick nach vorn ausbalanciert werden. Deshalb gilt der zeitgenössischen Musik und der künftigen Ensemble- und Orchesterkultur besondere Aufmerksamkeit. Über das Institut werden die Projekte des „KlangNetz Dresden“ und Ensembles wie „ensemble courage“ oder „Sinfonietta Dresden“ sowie Projekte der „Jungen Szene“ der Sächsischen Staatsoper mit- und untereinander verbunden und an entsprechende Studiengänge der HfM gekoppelt.

Dramaturgie und Orchestermanagement, Musikvermittlung

Die an der Hochschule vorhandenen Möglichkeiten (Promotionsrecht für Doktoranden) werden im Bereich Musikwissenschaft für Masterstudiengänge oder Promotionen im dramaturgischen Bereich genutzt. In gezielter Zusammenarbeit mit den entsprechenden Vertretern der angebundenen Institute (Sächsische Staatsoper/Staatskapelle, Dresdner Philharmonie, Europäisches Zentrum der Künste Hellerau) werden neue und innovative Studiengänge für Dramaturgie, Musikvermittlung und Orchestermanagement entwickelt.

Partnerinstitutionen und Ensembles

Hochschule für Musik Carl Maria von Weber (Institutsträger)

Sächsische Staatskapelle Dresden (Sinopoli-Akademie)
Dresdner Philharmonie (Orchesterakademie)
Sächsische Staatsoper (Junge Szene)
Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste

Dresdner Kapellsolisten (Zusammenarbeit Hochschulsinfonieorchester - HSO)
Philharmonisches Kammerorchester (Zusammenarbeit HSO)
Moritzburg-Festival (Zusammenarbeit Meisterkurse)
Sinfonietta Dresden (neue Musik - Kammerorchester)
ensemble courage (neue Musik - Ensemble)
u.a.

Außerdem verfolgt die HfM folgende Projekte und Ideen:

Exzellenzinitiative Hochbegabtenförderung

Unter diesem Projektnamen strebt die Hochschule die Schaffung einer Klasse für junge Spitzenkünstler an, die für internationale Wettbewerbe und solistische Schulung gerüstet werden sollen. Kinder, Jugendliche und junge Studierende, die wegen ihrer außerordentlich hohen Qualifikation und einer absoluten Hochbegabung nicht ins Schema der klassischen Ausbildung passen, sollen die Möglichkeit erhalten, in dieser Klasse zu einem besonderen Hochschulabschluss geführt zu werden.

Foundation courses

Unter diesem Titel wird die Hochschule demnächst gebührenpflichtige Vorbereitungskurse für Aufnahmeprüfungen und Studium anbieten. Nach dem Vorbild der „foundation diplomas“ bspw. englischer oder amerikanischer Universitäten können die Studierenden dabei in einem einjährigen Kurs Schlüsselqualifikationen für einen erfolgreichen Studieneinstieg erwerben. Das Angebot gilt ausdrücklich auch für internationale Bewerbungen und wird von solchen Interessenten verstärkt nachgefragt.

Kulturkraftwerk Mitte

Auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerkes soll ein neues Kulturareal entstehen, u.a. mit der Staatsoperette und dem Theater der Jungen Generation. Die Musikhochschule unterstützt diese Initiative, die nun per Stadtratsbeschluss verabschiedet wurde, ausdrücklich und plädiert für die Errichtung eines „Hauses der Künste“, in dem ein Café der Künste, eine Kindertages(und -abend)stätte der Künste, ein Theater der Künste (für zeitgemäße kreative Formen von Kunst und Musik), ein Club der Künste (für Performance und Jazz) sowie ein Studio der Künste (Über- und Proberäume) Platz finden sollten.

...schließlich noch ein Problem:

Innovatives und modernes Ausbildungskonzept muss besser finanziert werden


Mit einer angestrebten Gesamtzahl von 780 Plätzen in Hochschule und Landesgymnasium (die ursprüngliche Budgetierung war für 630 Plätze an der Hochschule vorgesehen, die Übernahme des künstlerischen Unterrichts am Landesgymnasium ab 1994 ließ nunmehr insgesamt 780 Studienplätze entstehen, die lange Jahre und bis heute aus Honorarmitteln der HfM bestritten wurden) sowie 45 Plätzen in der Kinderklasse verfügt die HfM C. M. v. Weber Dresden über eines der innovativsten und modernsten Ausbildungskonzepte deutschlandweit. Dieses setzt bei der Begabtenförderung im Kindesalter an, stellt besondere Angebote für Jugendliche mit der Einrichtung des Landesgymnasiums für Musik bereit und bietet für Studierende Bachelor-/Master- sowie Graduiertenstudiengänge (Meisterklasse und Doktoranden) an. Ein wichtiger Schwerpunkt wird die Einführung neuer weiterbildender Masterstudiengänge sein.
Finanziell ist die Hochschule dafür leider nur ungenügend gerüstet und liegt bei dem durchschnittlichen Etat pro Studienplatz etwa ein Fünftel unter den Werten vergleichbarer Hochschulen. Das resultiert aus der Übernahme des künstlerischen Unterrichts am Landesgymnasium, der in den vergangenen Jahren finanziell nur unzureichend untersetzt wurde. Hier eine Veränderung in den nächsten Jahren herbeizuführen, wird das Ziel der neuen Hochschulleitung sein, die entsprechende Anträge auch für den Qualitätspakt zur Verbesserung von Studium und Lehre vorbereiten wird.

Rückschau 2010

In einem Pressegespräch konnte ich 100 Tage im Amt als Hochschulrektor Revue passieren lassen:

Jahrbuch und CD mit Schenker und Schumann

Das Jahrbuch gehört zur guten Tradition der Hochschule. In dieser Publikation werden wichtige Stationen, Meinungsäußerungen, Daten und Fakten, Probleme und Erfolge benannt, aufgelistet und rekapituliert. Der Linie bleibt das Haus auch 2010 treu. Im Mittelpunkt steht dabei der 200. Geburtstag Robert Schumanns. Er prägte viele Konzerte der letzten 12 Monate, darunter die konzertante Aufführung seiner Genoveva in der Semperoper, Veranstaltungen der Lied-, Kammermusik- oder Klavierklassen bis hin zur Abteilung Jazz/Rock/Pop, die mit neuen Kompositionen auf die Gesänge der Frühe reagierten. Am 31. Oktober fand eine Matinee mit Schumanns 2. Sinfonie sowie einer Uraufführung von Friedrich Schenker statt. Der Live-Mitschnitt dieser Aufführung transportiert in besonderer Weise die Vitalität dessen, was als Motto des neuen Rektors gilt, nämlich

- Tiefe des Wissens,
- Kraft des Fühlens,
- Schönheit des Könnens und
- Lust des Vermittelns

ins Zentrum der Ausbildung und Bemühungen um höchste Qualität zu stellen.

Erfolg des Hochschulorchesters in der Kölner Philharmonie

Mit Dvořaks Cellokonzert (Solist: Jan Vogler, Dirigent: Ekkehard Klemm) und Schumanns 2. Sinfonie gastierte das Orchester in Köln und konnte einen großen Erfolg verbuchen. Der Veranstalter lud zu einem neuerlichen Gastspiel ein. „Schumanns romantisches Fieber begann mit jedem Takt zu steigen. … Alle Gruppen harmonierten unter Klemms einfühlsamer Leitung bestens, der Hauptteil des Kopfsatzes, Scherzo und Finale federten energiegeladen. … das Adagio … bildete die tiefinnere Gegenwelt zu kämpferischem Aufschwung, den Rückzug ins Schattenreich der Seele. Wie die Geigen Zug um Zug quasi aus der Tiefe des Unterbewussten sich allmählich ihren Weg hinauf ins Freie bahnten, das hatte feierlichen Ernst und ließ keinen Zweifel am Format dieses vielfach verkannten Meisterwerks.“ – vermeldete Volker Fries in der Kölner Presse.

Eröffnung des neuen Schulgebäudes des Sächsischen Landesgymnasiums für Musik

Das lang ersehnte Schulgebäude auf der Kretschmerstraße konnte im September eröffnet werden. Damit verfügen die 150 Schülerinnen und Schüler, die musikalisch von den Lehrkäften der Hochschule betreut werden, über nunmehr komplett renovierte bzw. neu errichtete Unterrichtsgebäude sowohl für den schulischen wie den musischen Bereich. Modernste Unterrichtskabinette, ein Konzert- und Probensaal mit Tontechnik, Turnhalle und Mensa sowie Internatsplätze für 75 Jugendliche stehen zur Verfügung.

Investitur am 27.10.2010

Mit einer feierlichen Investitur wurde Ekkehard Klemm unter großer öffentlicher Beteiligung von Staatsministerin Freifrau Prof. Sabine v. Schorlemer ins Amt eingeführt. Gemeinsam mit Prof. Zenziper musizierten u.a. der neu berufene Violinprofessor Igor Malinowski und Isang Enders von der Sächsischen Staatskapelle ein Trio von Schostakowitsch. Studierende brachten Marc Andres (Kompositionsprofessor seit 2009) „durch“ zur Aufführung, Beiträge der Jazzabteilung und des Landesgymnasiums sorgten für eine farbige Darstellung aller Bereiche des Instituts. Unter dem Titel „Master Schumann“ nahm der neue Rektor Schumanns avancierten Ansatz der 2. Sinfonie zum Ausgangspunkt seiner Rede und verknüpfte diese mit seinen konzeptionellen Vorstellungen.
(https://klemmdirigiert.twoday.net/stories/8405717/)

Premiere ORPHEUS im Kleinen Haus

In einer Koproduktion Dresdner Kunsthochschulen kam wenig später Glucks Reformoper in einer Version für Tanz auf die Bühne des Kleinen Hauses des Dresdner Staatsschauspiels. Unter der Leitung von Franz Brochhagen und in der Regie von Thomas McManus sangen, spielten und tanzten Studierende der Musikhochschule sowie der Palucca-Schule. Bühnenbild und Kostüme der gefeierten Produktion steuerten die Studenten der Hocschule für Bildende Künste bei, während das Staatsschauspiel Werkstätten, Technik und den Raum zur Verfügung stellten. Die Synergien dieser Zusammenarbeit stehen ganz im Zeichen der Vernetzung und Kooperation bei Beibehaltung der jeweiligen Eigenständigkeit.

„Berührt von Musik“ – ein Festival für und mit Helmut Lachenmann

Am 03.12. verlieh die Hochschule Helmut Lachenmann die Ehrendoktorwürde, die Laudation hielt Staatsminister a.D. Gerhardt Baum. In diesem Zusammenhang kam der international gefeierte Komponist für mehrere Konzerte nach Dresden und erarbeitete dabei mit den Studierenden und Ensembles gemeinsam eigene Werke (u.a. Mouvement und Zwei Gefühle). Höhepunkte waren die Konzerte des Ensembles Courage und des Ensembles KlangNetz Dresden – letzteres ein Projektensemble zwischen Hochschule und Dresdner Philharmonie, das innerhalb des Netzwerkes Neue Musik vom Bund gefördert wird.

Kontrabassprofessor aus Wien, neue Jazzprofessoren

Mit Sebastian Merk (Schlagzeug) und Finn Wiesner (Saxophon) traten zwei bedeutende Jazzmusiker in den Dienst der Hochschule und komplettieren das Team um Till Brönner, Malte Burba (beide Trompete), Thomas Fellow (Gitarre), und Celine Rudolph (Gesang).
Von den Wiener Philharmonikern kam Jerzy Dybal als Professor für Kontrabass nach Dresden. Seine Tätigkeit als Stimmführer wird er weiterführen. Er zählt zu den international führenden Vertretern seines Fachs und wird Kollege der zuletzt berufenen jungen Dresdner Streicherprofessoren Igor Malinowski (Violine), Nils Mönkemeyer (Viola) und Emil Rovner (Cello).
Prof. Steffen Leißner (zuletzt GMD am Landestheater Detmold) übernimmt für 5 Jahre die Dirigierprofessur des zum Rektor gewählten Ekkehard Klemm.
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Weblog des Dirigenten Ekkehard Klemm, Dresden

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