13
Dez
2013

Hartmut Haenchen: WERKTREUE UND INTERPRETATION

Haenchen

Buchempfehlung

Im Pfau-Verlag Saarbrücken ist ein zweibändiges Werk des Dirigenten Hartmut Haenchen erschienen: Viel Information und sehr nützliche, wichtige und fundierte Hinweise (Vorhalte, Artikulation, Tempi, Vibrato, Aufführungspraxis allgemein von Bach bis Reimann...) für schlappe 35 Euro! Glückwunsch dem Autor und dem Verlag - nach Hermann Scherchens "Lehrbuch des Dirgierens" und Hans Swarowskys WAHRUNG DER GESTALT vielleicht das wichtigeste Lehrbuch für Dirigent/innen.

MDR Figaro, 17. Dezember, 20.05 Uhr

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(na ja: um ehrlich zu sein, es haben an diesem Vormittag des 27. Oktober nicht nur die Streicher im Mittelpumkt gestanden...)

Live-Mitschnitt eines Konzertes in der Semperoper Dresden. Herzliche Empfehlung!

12
Okt
2013

Britten, WAR REQUIEM zum 100. Geburtstag in der Kreuzkirche Dresden

Singakademie-Coventry-I

Es war wohl einer der eindrücklichsten Momente unserer Reise nach England, in den Ruinen der Kathedrale in Coventry Schumann und Britten zu singen und damit einen kleinen Mosaikstein zum großen Gedanken der Versöhnung hinzuzufügen, wie er unmittelbar nach der Zerstörung der Kirche im November 1940 seinen Ausgang nahm. Bereits zu Weihnachten des gleichen Jahres war es der Domprobst Richard Howard, der zu Vergebung und Versöhnung aufrief. Entstanden ist eine weltweite Verbundenheit in der sogenannten 'Nagelkreuzbewegung', zurückgehend auf die Formung eines Kreuzes, zunächst aus verbranntem Holz, später aus Nägeln der zerstörten Kirche. Die Litanei wird jeden Werktag um die Mittagszeit gebetet, unser Chor war eingeladen, am Tag seines Konzertes daran teilzuhaben. Mit Schütz, Lechner, Purcell, Schumann, Brahms, Britten und Reiko Füting durften wir am Abend selbst ein Konzert in der Kathedrale gestalten.

Der Geist der Versöhnung und Vergebung ist in Coventry mit dem festen Glauben verbunden, dass ein Neuanfang möglich und nötig ist, um wirklichen Aufbruch zu entfachen. Die Art und Weise, wie dies – ausgehend von der geistlichen Erneuerung – auch hinsichtlich der konsequent modernen künstlerischen Gestaltung gelang, ist tief bewegend und beeindruckend. Es wurde ein ganz zeitgemäßes spirituelles Symbol geschaffen für das, was christlicher Glaube den Menschen in Coventry, England und allen an Versöhnung ehrlich und ernsthaft interessierten Menschen in der Welt bedeuten könnte. Staunend geht man von den Skulpturen der Ruine hinüber zur neuen Kirche, die durch die berühmten Glasgravuren biblischer Figuren von John Hutton zwar abgegrenzt ist, dennoch offen wirkt und den Blick freigibt auf das Gegenüber, den Altar mit dem Gobelin Graham Sutherland's. Dazwischen schweift der Blick über unzählige andere Kunstwerke, bunte Glasfenster, metallene Skulpturen und das aus afrikanischem Holz gefertigte Chorgestühl. In seitlichen Kapellen befinden sich weitere bedeutende Werke, u.a. die von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin geschenkte Kopie der Stalingradmadonna von Kurt Reuber.

Doch auch die Musik kam zu ihrem Recht. Benjamin Britten wurde mit der Komposition eines Stückes aus Anlass der Weihe beauftragt – herausgekommen ist das WAR REQUIEM, womit die Kathedrale Coventry und der Komponist seit 1962 endgültig auch in den Lexika der Musikgeschichte verankert sind. Es gibt wohl kaum eine gültigere musikalische Auseinandersetzung mit dem, was das grausame 20. Jahrhundert geprägt hat: Krieg, Zerstörung und Verbrechen. Für den von Coventry ausgehenden Gedanken der Versöhnung ist es umso wichtiger, dass diese Musik nicht nur in hochkarätigen Gastkonzerten erklingt, sondern in unseren Alltag tief eindringt. Mit der Kooperation zwischen mehreren Laienchören aus Dresden, München und Jena und den Aufführungen zum Deutschen Chorfestival im Zwickauer Dom und nun in der Dresdner Kreuzkirche hoffen wir, genau das zu erreichen: Dass Menschen die Musik Brittens und ihren Appell ins Herz aufnehmen durch die intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung, dass sie dabei andere mitnehmen und den Gedanken der forgiveness and reconciliation Wurzeln schlagen lassen.

Wir danken allen, die dieses große Projekt mit allen damit verbundenen Ideen unterstützt haben:
- die Rudolf Kempe Society Stratford upon Avon mit Cordula Kempe an der Spitze
- Richard Williams, der die Konzerte der Singakademie in England mitorganisierte
- dem Dresden Trust, seinem Präsidenten, dem Dresdner Ehrenbürger Dr. Alan Russell sowie Chairfrau Evelyn Eaton, die den Chor in
Oxford empfingen
- den Städten Dresden und Zwickau und Coventry
- allen Förderern der Chöre in München, Jena und Dresden
- dem Verband Deutscher Konzertchöre VDKC, der durch sein Chorfestival unter dem Motto "Lichter Schatten Horizonte" den Anstoß
gab, sich des Werkes Brittens anzunehmen.

Nicht zuletzt und ganz besonders sei allen mitwirkenden Künstlerinnen und Künstlern gedankt, den Solisten Jana Büchner, Erik Stokloßa und Andreas Scheibner, den Dirigenten Berit Walther und Hayko Siemens sowie dem Philharmonischen Orchester Plauen/Zwickau!
Möge etwas von den ergreifenden Momenten, die wir mit dem Stück und auf unserer Reise erlebt haben, bei unserem Publikum ankommen.

18
Sep
2013

Jahrestagung GfM

An der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden hat die Jahrestagung der gesellschaft für Musikforschung begonnen.

Eine Begrüßung.

7
Sep
2013

Erinnerungen an Martin Flämig

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[Gedanken, die ich heute bei einer Gedenkveranstaltung über meine Erinnerungen an die Zeit zwischen 1971 - 77 im Kreuzchor beisteuern sollte - Mosaiksteinchen, die von etlichen anderen Kollegen weitergeführt wurden. Das Bild stammt von Christoph Wetzel und wurde durch den Förderverein des Kreuzchores heute der Vergessenheit entrissen.]

Erinnerungen an Kreuzkantor Martin Flämig
zu seinem 100. Geburtstag

Meine erste Begegnung datiert von 1970 und ist eigentlich eher eine Erinnerung im Zusammenhang mit Rudolf Mauersberger. Dessen schlechter Gesundheitszustand hatte die Verantwortlichen bewogen, eine Nachfolgeregelung voranzutreiben. In diesem Zusammenhang gab es offensichtlich Gespräche mit Martin Flämig, der eines Tages zu einer Vesperprobe – meines Wissens an einem düsteren Freitagabend – auf einem der so wunderschön harten Holzstühle am Geländer der Chorempore saß. Ich entsinne mich einer gespenstischen, bedrückenden Atmosphäre. Mauersberger dirigierte, Flämig war uns kurz vorgestellt worden, m.E. sogar von Mauersberger selbst. Gerüchte machten die Runde. Dass mit der Anwesenheit eines möglichen Nachfolgers quasi offiziell beglaubigt wurde, die über 40-jährige Ära neige sich dem Ende zu, hat mich und viele andere merkwürdig berührt. Alle dachten: Aha, das soll wohl der neue Kreuzkantor werden? Es muss wohl an die 20 – 30 Minuten gegangen sein, als es aus Mauersberger herausbrach und er mit dem berühmten Krächzen klarstellte: "Ihr denkt wohl, ich sterb'? Ich sterb' noch lange nicht!"

Die letzten Monate unter Mauersberger verliefen alles andere als konfliktfrei. Wir standen auf dem Sprung und rechneten oft mit einem Zusammenbruch, wie es ihn bei einem Bachschen WO schon gegeben hatte (im Dezember 1968). Wir, das waren Olaf Bär, Egbert Junghanns, Andreas Göhler, Martin Schüler, Tilman Rau, Achim Zimmermann und alle, die mit uns damals in der Mitte der ersten Reihe standen – Soprane von 12 oder 13 Jahren… So sehr uns der Tod Mauersbergers mitgenommen hatte, empfanden wir deshalb den Amtsantritt von Martin Flämig als einen Aufbruch! Die Matthäus-Passion 1971 war vital, die ersten Proben verliefen inspirierend. Mit dem berühmten Rollkragen-Pullover (oft weiß, ich glaube, manchmal blau und selten schwarz; gelegentlich auch mit Hemd und Pullover) leitete Flämig die Proben vom Klavier aus, das später von Ulrich Schicha oder den Präfekten gespielt wurde. Er machte Atemübungen mit uns, neues Zeug, das wir nicht kannten… Irgendwann fiel der Satz: "Jongs, und wenn die Welt hinter Euch unterginge – Ihr habt Euch nicht umzudrehen!"

Der Spruch hingegen: "Jongs, wir singen einen Tonsatz von Adam Gumpelzhaimer" war weniger beliebt. Flämig schätzte die schlichten Stücke des "Geistlichen Chorlieds", des sogenannten 'Grotschi' außerordentlich, sie erklangen oft in Vespern und Gottesdiensten. Ihre Schlichtheit erschloss sich vielen nicht – fast schien es, die Kruzianer fühlten sich unterfordert: Eine anspruchsvolle Motette musste es schon sein! Es schwelte ein Konflikt, der sich in einer veritablen Aktion entlud, bei dem Teile des neu erworbenen Notenmaterials Tätlichkeiten überstehen mussten…

Schwieriger waren jedoch Auseinandersetzungen zu zwei Themen, die heute sicher ganz anders bewertet werden müssen als damals. Natürlich waren die Schweiz-Reisen des neuen Kantors relativ schnell Grund zu Konflikten. Ulrich Schicha war ein perfekter Assistent des Kreuzkantors und seine Arbeit kann gar nicht genügend gewürdigt werden. Dass ein Kreuzkantor allerdings überhaupt einen Assistenten benötigte und einsetzte und obendrein noch andere Ämter bekleidete – das war nach Mauersberger neu und Grund des Anstoßes. Alle drei Wochen fuhr Flämig mit seinem VW-Käfer in die Schweiz und kehrte meist Donnerstag/Freitag wieder zurück. Aus heutiger Sicht ist völlig klar, dass ein DDR-Bürger mit der Möglichkeit einer Arbeit im Westen diese Tür nicht verschloss. Er hat sie ganz sicher auch zum Besten des Kreuzchores genutzt.

Das zweite Thema war die Beeinflussung des Chores durch staatliche Stellen. Man trachtete danach, dem Kantor und der Kirche Macht abzunehmen und Gegenkräfte zu installieren, die in der Funktion des Direktors Richter und des Internatsdirektors Hönschel Gestalt gewannen. Es wäre sicher auch für die Forschung von Interesse, welchen Kämpfen Flämig ausgesetzt war. Ich kenne Erzählungen von einer Elternversammlung, bei der hinsichtlich einer geplanten Reise von Flämig Zugeständnisse erwartet wurden. Er sollte u.a. dafür bürgen, dass keiner der Jungs im Westen bliebe. Das hat er nicht getan und nach heftigen Wortwechseln die Versammlung verlassen. Meinem Vater nötigte die standhafte Haltung damals Respekt ab. Fakt ist, es gab bis 1977 keine West-Reise, sondern nur vergebliche Anläufe dazu. Meist hieß es im Sommer und Herbst, es sei etwas geplant, aber einmal kam der Zypern-Konflikt einer Griechenland-Reise in die Quere, ein andermal hieß es, der Chor hätte in Belgien in zu schlechten Unterkünften übernachten sollen – die Pläne fielen in sich zusammen und führten dazu, dass nach Weihnachten die Stimmung schnell sank. Die Disziplin ließ arg zu wünschen übrig und führte zu ernsthaften Problemen auch mit der Schallplatte. Nach den Schütz-Aufnahmen, den Bach-Messen, dem Weihnachts-Oratorium mit Martin Flämig ging es auf einmal nicht mehr weiter und es gipfelte in der Aufnahme von Volksliedern mit einer Art Pop-Gruppe. Das war sozusagen unter unserer Würde. Die Situation um 1975/76 war in der Tat sehr schwierig. Nach meinem Ausscheiden 1977 erhielt ich dann Postkarten aus Alicante und aus Japan – wir hatten versucht, das Ruder wieder etwas in die andere Richtung zu steuern.

Großen Eindruck hat Flämig bei mir hinterlassen mit dem Repertoire, das wir musiziert haben und durch seine emotionale Art, wie er es dirigierte. Nicht selten führte das zu sehr vitalen Interpretationen, bei denen der Eingangschor der Matthäus-Passion in breiten Achteln begann, um in doch recht flüssigen punktierten Vierteln zu enden… Unvergessen auch die ungekürzten WO-Aufführungen, bei denen die Güttlersche Trompete zu Beginn der Kantate 6 für ein erleichtertes Aufatmen im weiten Rund der Kreuzkirche sorgte. Das Brahms-Requiem unter Flämig war stets ein spannungsvoller Abend, neu hinzu kamen erstmals auch Dvořak und Verdi, was zu Fragen führte, ob das das richtige Repertoire sei. Viel mehr aber haben mich die neuen Dinge beeindruckt: Stravinskis Psalmensinfonie (zusammen mit Bach Magnificat und Udo Zimmermann Ode an das Leben) im Kulturpalast, Frank Martin (Requiem und In terra pax), Arthur Honegger (Weihnachtskantate und König David), Willy Burkhard (Die Sintflut), Heinrich Kaminski (Magnificat – mit der famosen Inge Uibel, die in höchsten Höhen trällerte). Und ich erinnere mich auch deutlich an einen Feuerreiter von Hugo Wolf und sogar Pfitzners Kantate Von deutscher Seele – man höre und staune. Das wurde – ich bitte die Musikwissenschaftler zu recherchieren – unter Flämig zu DDR-Zeiten in Dresden aufgeführt! Unvergessen auch eine unheimlich spröde Lukas-Passion eines schweizerischen Komponisten namens Richard Sturzenegger. Wir hatten sogar die Orchesternoten selbst geschrieben, die Kopien allerdings waren unleserlich; das Stück wurde abgesetzt und im Jahr darauf uraufgeführt – die Hoffnungen auf einen Ausfall waren umsonst. Gegen Ende meiner Kruzianerzeit entstanden gerade Auftragskompositionen, u.a. von Siegfried Köhler und Paul Dessau. Die 8-stimmigen Chöre nach Texten von van Gogh des Letzteren haben unsere Nachfolger uraufgeführt – wir durften in einer von Schicha geleiteten 'Präfektenstunde' die Komposition begutachten und damit offiziell 'abnehmen', damit Dessau sein Geld bekam.

Ich verdanke Martin Flämig sehr viel – die Prägung einer dem Neuen zugewandten künstlerischen Haltung gehört ganz besonders dazu. Auch die Grunddisposition, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen und Reibungsflächen nicht zu scheuen. Ich bin sicher, Flämig hat es den DDR-Oberen durchaus nicht einfach gemacht – allein dafür gebührt ihm tiefer Dank, den ich ihm kurz vor seinem Tod auch schriftlich überbracht habe. So ist mir seine Antwort von 1997 ein wertvolles Dokument und ein Zeichen der Verbundenheit. Daran, dass ich heute als Dirigent und Hochschulrektor hier stehe und spreche, hat er riesigen Anteil.

http://www.kreuzchor.de
http://www.kreuzchor.de/deutsch/foerderverein.php
http://www.foerderverein-kreuzchor.de

26
Jul
2013

Zitat von Moritz Eggert:

Erfahrungen.
Staunen.
Erlebnisse.
Unbenennbares.
Einsichten.
Entrückungen.
Epiphanien.
All dies kann gibt keinen Profit, ist nicht greifbar.
Daher ist es uns nichts mehr wert.

Daher schicken wir Unternehmensberater zu den Orchestern, die dann – wenig überraschend – feststellen dass Töne, Klänge und das Erleben derselben keinen direkten Profit bringen. Was dann bedeutet, dass wir dieses Orchester abbauen müssen.
Und wenn das Orchester dann abgebaut und abgewickelt ist, gehen wir zu den Hochschulen, die die Musiker ausgebildet haben, die in dem abgebauten Orchester gespielt haben. Dann sagen wir dieser Hochschule – nennen wir sie Trossingen, oder Mannheim, oder wie auch immer – dass wir sie jetzt nicht mehr brauchen, da wir ja jetzt auch nicht mehr die ganzen Musiker brauchen, die früher in dem Orchester gespielt haben das es nun nicht mehr gibt. Weil wir es abgebaut haben. Diesen Vorgang kann man so lange wiederholen, bis es gar keine Hochschulen mehr gibt, und auch gar keine Orchester mehr, bis alles eingespart wurde.


zu finden auf dem bad blog of musick

18
Jul
2013

Situation der Musikhochschulen in Baden-Württemberg

Der SWR 2 sendet diese Woche ein Cluster zum Thema Musikhochschulen. Gibt es davon zu viele und studieren dort zu viele Ausländer?

Meine untenstehende Stellungnahme reagiert zunächst auf die Thematisierung der Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer, inzwischen hat die (grüne!) Kunstministerin ihre Pläne vorgestellt, Trossingen quasi zu schließen, Mannheim (einstmals mit Mozart der Ort eines der avanciertesten Orchester...) zur Pop-Hochschule zu machen und insgesamt 500 Studienplätze abzuschaffen. Ein Aufschrei ist nötig. Aber auch ein Umdenken - allerdings nicht in die in BW vorgesehene Richtung. Interessanterweise wachsen in den wirtschaftlich erfolgreichen Ländern Asiens die Orchester und Opernhäuser...


Leserkommentar zum Thema: Musikhochschulen bilden zu viele Studierende aus/Gebühren für Nicht-EU-Ausländer (SWR2-Cluster vom 15. – 19.07.2013)

Es ist erschreckend, dass fast in allen Stellungnahmen das Thema Studiengebühren, Anzahl von Nicht-EU-Ausländern an deutschen Musikhochschulen usw. auf Zahlen oder Prozente reduziert wird. Sollte nicht zuvörderst erst einmal über Inhalte diskutiert werden?

• Hat die Gebührenfreiheit eines Studiums in Deutschland für ALLE nicht einen geschichtlichen Hintergrund? Sich nach Holocaust und zwei Weltkriegen als weltoffen, demokratisch und aufgeschlossen zu präsentieren - ist das jetzt nicht mehr nötig?

• Keines der Länder MIT Studiengebühren hat nur annähernd eine solch lebendige Musiklandschaft, wie sie hierzulande existiert.
Inwiefern betreten wir mit der Entscheidung für Gebühren das Gelände einer Kommerzialisierung von Kunst und Musik, der zu widerstehen die Grundlage aller großen Kunst ist? H. Lachenmanns Auseinandersetzung mit dem 'ästhetischen Apparat' - alles schon Schnee von gestern und Makulatur einer nur mit Privat-Geldern zu renovierenden Absteige abgehobener Avantgardisten?

• Welche Rolle spielen ethische Grundsätze, die Studierendenschaft in zahlende und nicht zahlende Gruppen einzuteilen?

• Inwiefern zeigt sich in den Entscheidungen, Nicht-EU-Ausländer zahlen zu lassen, auch - mit Verlaub - ausländerfeindliches Potenzial? Das würde ich keinem der Beiträge unterstellen wollen, habe es allerdings in politischen Diskussionen leider deutlich vernehmen müssen! Immerhin ist die Stossrichtung "nur noch Koreaner", "die reichen Asiaten" überhaupt nicht zu verkennen! Was ist eigentlich mit den armen Weißrussen und Ukrainern, wahlweise Russen, Serben oder Kasachen? Haben die alle einen Oligarchen im Hintergrund? Können wir in Deutschland eine solche Diskussion wirklich ungestraft zulassen?

• Inwiefern untergraben die Entscheidungen eines der erfolgreichsten Werbemodelle FÜR Deutschland? Alle Spitzenorchester tummeln sich in Asien in den Konzertsälen, die Musiker telefonieren mit Samsung-Telefonen oder Huawei, Wirtschaftsbeziehungen, Ausstellungen aller Art - ist es irgendwie angemessen, im Gegenzug gerade einmal drei- bis viertausend (vor allem) asiatische Studierende abzukassieren?

• Und was ist eigentlich mit den indischen, wahlweise australischen oder amerikanischen IT-Spezialisten, denen wir am liebsten das Geld noch hinterhertragen, damit sie bei uns studieren oder arbeiten ...

Hängt am Ende alles womöglich damit zusammen, dass die Musik in Deutschland zu einem Marktwert verkommen ist? Herzlichen Glückwunsch dem SWR zu den Entscheidungen hinsichtlich seiner Orchester in Stuttgart und Baden-Baden! Die Flaggschiffe ambitionierten bis avantgardistischen Musizierens werden geschliffen. Der MDR in Leipzig lässt sein Orchester ehrlicherweise gleich Tom Tykwer ("Cloud Atlas") und "Wagner Reloaded", ein Crossover, gegen das jede Hollywood-Schnulze fast modern wirkt, spielen. Die Dirigenten: jung, schön, charismatisch, am besten halb Dompteur, halb Diktator, aber bitte unbedingt auch ganz lieb und jeder Evaluation gegenüber aufgeschlossen, ja kein Stress mit zu viel Avantgarde, das vertreibt das Publikum. WAS ein GMD heute dirigiert, Fragen des Denkens und Interpretierens spielen eine untergeordnete Rolle. Die Biografien sind austauschbar geworden. Man vergleiche z. B. die Vita eines, sagen wir: Michael Gielen, Jevgeny Mravinsky oder Hermann Scherchen mit der eines x-beliebigen Stars von heute: Wien, Mailand, London, etwas Amerika, Salzburg natürlich und Bayreuth - wie und was, völlig zweitrangig. Meinen wir wirklich, mit SOLCHEN Inhalten hätte die Musik künftig eine Chance?

Sehe ich zu schwarz? Vielleicht. Aber mit Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer lösen wir die existenzielle Krise der Kunst und Musik nicht. in 10 Jahren zahlen dann alle dafür, ein Studium machen zu dürfen, um hinterher irgendwann mal mit Zeitvertrag etwas Crossover abliefern zu dürfen, im günstigsten Falle noch etwas Tschaikowski oder Brahms beim Open-Air.

An deutschen Musikhochschulen werden deshalb viele (und keinesfalls zu viele!) junge Leute ausgebildet, weil gut ausgebildet wird, weil die Musik in Deutschland im Zentrum der Aufmerksamkeit einer ganzen Kultur steht und weil dieses hohe und lang erkämpfte Gut von aller Welt bewundert wird.
Noch. Die Flutpegel steigen - und die existenziellen Hochwasserschutzmaßnahmen sind wichtiger, als einen kleinen Nebenarm in ein neues Flussbett zu zwingen.

24
Feb
2013

Zum Tod von Wolfgang Sawallisch

Sawallisch

Das Bild auf den alten ETERNA-Platten spricht Bände: Präzision, Wachheit, phantastische Ohren... - und Dienst am Werk. Die Schumann-Aufnahmen mit den Dresdnern unter Sawallisch haben mich stark geprägt. Der schlanke Klang, ein Musizieren auf höchstem Niveau ohne plakative Manierismen und die Perfektion der Darbietung sind beeindruckend. Gerhard Rohde schreibt auf FAZ.net einen Nachruf.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/zum-tod-des-dirigenten-wolfgang-sawallisch-der-vollkommene-maestro-ist-ein-alter-capellmeister-12092884.html

15
Feb
2013

Zum Tod von Friedrich Schenker

Friedrich-Schenker

...habe ich Erinnerungen zusammengetragen, die auf www.Musik-in-Dresden.de zu finden sind unter dem Titel:

LUSTVOLL AUF MESSERS SCHNEIDE
logo

Weblog des Dirigenten Ekkehard Klemm, Dresden

Ansichten, Einsichten, Rücksichten, Aussichten

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